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Posts Tagged ‘zermürbt’

Durch den Fall Samuel Koch hat das Thema Behinderung in der deutschen Öffentlichkeit eine Publizität gewonnen, die bisher nicht vorhanden war. Insofern ist der Fall Koch ein Glücksfall für die deutsche Öffentlichkeit und die Diskussion zum Thema Behinderung. Dass das Thema eingeschlagen hat und mit Aufmerksamkeit wahrgenommen wird, das belegt auch der neue Straßenfeger »Ziemlich beste Freunde«, der neue und witzige Film in der Sache. Doch darf der Film »Ziemlich beste Freunde« nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um eine ganz untypische Ausnahmen handelt.

Welcher Behinderte ist von Haus aus steinreich und besitzt ein schlossartiges Ambiente, wo Geld kein Thema ist, nur das eigene Lebensglück und die Fragen der Beziehung wichtig sind. Wer hat soviel Geld in der Rücklage und dem Barvermögen, dass er sechs oder acht Angestellte rund um die Uhr finanzieren kann?

Wer kennt schon all die jahrelangen Kämpfe um eine angemessene Pflegeeinstufung, Kämpfe mit der Krankenkasse, um jedes Hilfsmittel, Kämpfe mit der Rentenversicherung, um berufsbezogene Zuschüsse. Dutzende, mitunter hunderte Briefe und Einsprüche. monatelange, manchmal jahrelange Wartezeiten bis ein Bescheid erstellt wird.

– So bekam ich jüngst eine Bewilligung im Februar 2012 für einen Antrag vom September 2010. Im deutschen Reha-Wesen ein ganz normaler Vorgang. Wer die Kraft und den Mut nicht verliert, dem bleibt oft nur der Weg, mithilfe eines sozial engagierten Anwaltes oder einer sozial engagierten Anwältin mögliche Unterstützungen zu erstreiten und sogar rechtlich verbriefte Unterstützungsmaßnahmen gerichtlich zu erkämpfen.

Die och das ist in den seltensten Fällen die Realität der großen Zahl von Behinderten in Deutschland. Die meisten müssen kämpfen und kämpfen, oder sie bleiben auf der Strecke. So wie eine Kollegin, deren Rechtsanwalt in aussichtsreicher Situation ihr riet, den Vergleich der gegnerischen Versicherung anzunehmen. Drei Briefe und der Rechtsanwalt bekam 10 % der Summe als Honorar. Dass der Streitwert viel höher lag und die Frau bei guter und engagierter Verhandlungsführung auch 1 Million statt 200.000 € hätte erkämpfen können, und so bis ins hohe Alter versorgt gewesen wäre, spielt dann keine Rolle mehr. Ihr Mann, deutlich älter als sie, war müde. Er konnte nicht mehr und hatte keine Kraft mehr, sie zu unterstützen. Am Schluss ergab sich die Frau Mitte 50 sogar in das Schicksal, dass ihr ein Elektro-Rollstuhl verordnet wurde, indem sie keine angemessene Sitzposition fand und der darum ungenutzt zuhause herumstand, weil sie auch keine Kraft mehr hatte, mit der zuständigen Klinik und dem zuständigen Sanitätshaus um eine adäquate Anpassung des Sitzes zu streiten.

Die meisten Behinderten, die nicht gelernt haben zu kämpfen oder Keine starken privaten Unterstützungssysteme haben, werden von der Last jahrelanger Wartezeiten und wiederholter Ablehnungsbescheide zermürbt. Dabei ist es für die meisten anstrengend genug, mit der Behinderung als solcher zurechtzukommen.

In dem befragenswerten Interview zwischen Peter Hahne und Samuel Koch gibt es einen Satz, der Gold wert ist und wahren Tiefsinn hat. In dem Interview sagt Samuel Koch unter anderem:»Man kann auf jedem Niveau glücklich sein. Man kann auf jedem Niveau unglücklich sein und klagen«. Für jeden Menschen in jeder Lebenssituation stellt sich die Frage, wie ein gelingendes Leben, wie glückliche Zufriedenheit möglich ist. Glücklich zu sein ist keine Frage des Geldes, auch wenn Geld bekanntermaßen beruhigt und Krisensituationen psychisch entlastet. Darin liegt auch das Korn Wahrheit des Filmes »Ziemlich gute Freunde«: ungeschminkte, harte, kantige Authentizität, schwarzer Humor und persönliche Unterstützung im Beziehungsnetz sind für Behinderte von einen noch größeren Stellenwert als dies für Nichtbehinderte – im Szene-Jargon: »normale Zweibeiner« – gilt.

Von solchen Kämpfen, in die Normalität zurückzukehren und zu lernen, auf neuem Niveau die kleinen Erfolge zu feiern und glücklich zu werden, davon berichtet auch die Reportage von Christine Holch, erschienen in: Chrismon: 13. Januar 2012: http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/kopfsprung-zu-flaches-wasser-13437Christine Holch, Kopfsprung in zu flaches Wasser

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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