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Posts Tagged ‘Papstamt’

»Es sind vor allen Dingen drei Herausforderungen, auf die das Konzil nach dem Zweiten Weltkrieg und am Beginn der 1960-er Jahre eine Antwort suchte: die Herausforderung zu einer umfassenden Sicht der Kirche, die Herausforderung zu einer neuen Wertschätzung der anderen christlichen und religiösen Traditionen und die Herausforderung zu einem positiven Verhältnis zur modernen Welt und den Menschen in ihr« – so wurde bereits einleitend gesagt. Dieser Herausforderungen werden im kontrastiven Rückblick besonders deutlich:

(1.) Zum Selbstverständnis: Nachdem das Erste Vatikanische Konzil aufgrund des deutsch-französischen Krieges abgebrochen worden war, stand das Zweite Vatikanische Konzil vor der Aufgabe, dessen ungelöste Fragen – unter anderem den Entwurf einer vollständigen Lehre von der Kirche – aufzunehmen. Das Erste Vatikanische Konzil hatte die Kirche in Reaktion auf die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie gegenüber den nationalen Ansprüchen Frankreichs durch eine Apotheose des Papstamtes zu stärken gesucht. Das Papstamt wurde in einer Zuspitzung der konfessionellen und antireformatorischen Mentalität in der römisch-katholischen Kirche zu einem Modell der »Papstmonarchie« (Hermann Josef Pottmeyer, Walter Kasper, u.a.) ausgebaut. Die Unfehlbarkeit bei autoritativen Lehrentscheidungen und die Ungebundenheit in der Jurisdiktion verliehen dem Papstamt eine Stellung und Vollmacht, die es so zuvor in der Kirchengeschichte nicht gehabt hatte. Dieses monarchische »Top-down-Modell« führte zu einer weit verbreiteten Identifikation von römisch-katholischer Kirche und Papstamt. Der Papst schien nun das wichtigste und einzig maßgebliche Subjekt im Lebensvollzug der römisch-katholischen Kirche zu sein.

Darüber hinaus konnte dies auch zu hemmungslosen Übertreibungen und irrigen Meinungen Anlass geben. Wenn der Papst unfehlbar ist und in letzter Verantwortung alle Rechtsgewalt inne hat, kann er dann nicht alles zentral lenken und entscheiden? Bedarf es dann überhaupt noch der Theologie? Kann die Theologie dann noch etwas anderes sein als eine Erklärung und Auslegung päpstlicher Äußerungen und Verlautbarungen? Kann es dann überhaupt noch weitere Konzilien geben? Sind diese im Kern nicht überflüssig? Müssen diese nicht notwendig zum Affront gegenüber einem mit allen Vollmachten ausgestatteten Papst werden? Bedarf es der aktiven Teilnahme und Teilhabe aller am kirchlichen Lebensvollzug? Bedarf es nationaler und kontinentaler Bischofskonferenzen?

Noch immer kann es passieren, dass die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes von Zeitgenossen innerhalb und außerhalb der Kirche als eine »persönliche« Auszeichnung des Papstes verstanden wird. Dann verbindet sich mit der Lehrentscheidung die Meinung, dass ein Papst auch persönlich sich nie irren könne. Diese persönliche Sakralisierung trifft natürlich nicht den Kern der Sache. Von ihrer Intention und ihrem Kontext her war die Lehrentscheidung von der Unfehlbarkeit einerseits gegen den Versuch gerichtet, den Glauben der römisch-katholischen Kirche in die Abhängigkeit von nationalen (zum Beispiel französischen) Synoden zu bringen, die stärker unter dem Einfluss ihrer jeweils nationalen Regierung standen und deren Interessen verpflichtet sein konnten. Andererseits unterliegt auch das Unfehlbarkeitsdogma nicht nur formalen Kriterien des Zu-Stande-Kommens, sondern bezieht sich material auch auf den – immer schon überlieferten – Glauben der römisch-katholischen Kirche. So darf nichts zum Dogma erhoben werden, was den seit langem überlieferten Glauben außer Kraft setzt oder ihm widerspricht. Ein Papst, der das Bekenntnis zur Auferstehung Jesu Christi abschaffen wollte, würde sich, gerade aufgrund des Unfehlbarkeitsdogmas, selbst exkommunizieren. Wurde mit der Ankündigung des Konzils von manchen – in einer Fortschreibung der Mariendogmen der Pius-Päpste – die Verkündigung eines Dogmas über die »Miterlöserschaft Mariens« befürchtet, so darf es als eine Wegweisung des Konzils gelten, dass es die Mariologie in die Lehre von der Kirche integrierte und das Anliegen eines solchen Dogmas, welche die alleinige Erlöserschafft Jesu Christi infrage stellen könnte, der Sache nach überwand.

Letztendlich ist das Dogma von der Unfehlbarkeit und die Festschreibung primatialer Jurisdiktion Ausdruck des Versuches, die Unabhängigkeit der römisch-katholischen Kirche und ihrer Glaubensüberlieferung zu gewährleisten. Dies geschieht im Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist in der Kirche wirkt und auch die Lehrentscheidungen der Kirche leitet. Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt hier eine entscheidende Korrektur vor. Es trägt dem Umstand Rechnung trägt, dass dogmatische Lehrentscheidungen oft Notlösungen und Kompromissentscheidungen gebliebensind und bleiben mussten. Insofern bringt die Lehre von der Unfehlbarkeit die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Kirche, wenn sie zu solchen Entscheidungen genötigt ist – in der Kraft des Geistes – nicht in die Irre geht, also sich selbst und ihren Auftrag nicht völlig verfehlt (Lumen Gentium 12). Diese Korrektur macht deutlich, zu welcher ehrlichen Bescheidenheit die Rede vom armen, mit Sündern erfüllten und auf das Reich Gottes hin pilgernden Volk Gottes ist.

Dennoch und nahezu unvermeidlich gehört es zu den Ambivalenzen der Unfehlbarkeitslehre und des Jurisdiktionsprimates, dass diese Dogmen die Autorität der Kirche durch eine Reproduktion der autoritären Systeme des 18./19. Jahrhunderts zu sichern versuchten. Damit konnte der Eindruck entstehen, die römisch-katholische Kirche sei die religiös-monarchischen Gegenwelt zu der profanen, politisch-monarchischen Welt. Diese Entgegensetzung förderte ein gegensätzliches Denken von heilig und profan, von Kirche oder Welt. Neben den Papstdogmen verstärkte die Verkündigung der Dogmen von der Erbsündenfreiheit Mariens (1854) und ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel (1950) die konfessionalisierende Mentalität, also die Meinung, katholisch sei insbesondere das, was römische Katholiken spezifisch von Christen anderer Konfessionen unterscheide. Damit geriet das Gemeinsame, die all-umfassende Weite und Plural-Einheit des Katholischen i.S.d. Glaubensbekenntnisses, aus dem Blick. In dieser Weise wurde das Randständige zentral und das zentral Gemeinsame, etwa das trinitarische Glaubensbekenntnis oder die gemeinsame Taufe, das gemeinsame Christsein peripher.

Geprägt war die Zeit vor dem Konzil durch die Zeit der Pius-Päpste oder die »pianische Ära«. Aufs Ganze gesehen war dies eine Zeit des Umbruchs und der Reformen aus einem konfessionellen und konservativem Geiste. Diese Epoche reichte von Pius IX (1846-1878), über Leo XIII (1878-1903), Pius X (1903-1914), Gregor XV (1914 bis 1922), Pius XI (1922-1939) bis Pius XII (1939-1958). Mehr als ein Jahrhundert lang verstand sich die römisch-katholische Kirche als ein Bollwerk gegenüber der Moderne und ihren rasanten Wandlungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie und Politik. Kirche und Papst konnten so als »Fels in der Brandung« gegen die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, gegen die Ideologien von Liberalismus, Kommunismus und Faschismus profiliert werden.

(2.) Zur Ökumene: In der Neuzeit entwickelte sich das Bewusstsein für die geschichtlichen Wandlungsprozesse großer Kulturen, Nationen und Institutionen. Mit dem Bewusstsein für die Geschichtlichkeit der Kirche und den geschichtlichen Wandel in der Kirche wuchs zugleich die Einsicht, dass das, was als römisch-katholisch anzusehen ist, nicht zu allen Zeiten in gleicher Weise bestand.

In Reaktion auf die Reformation wurden Marienfrömmigkeit und Mariendogmen, wurden Wallfahrt und eine vom eucharistischen  Vollzug losgelöste eucharistische Verehrung, wurden Papstamt und Papstdogmen zu den entscheidenden Merkmalen konfessioneller Differenz. Damit kam es zum Konflikt und Widerstreit, wie sich konfessionelle Differenz und christliche Essenz zueinander verhalten. Stehen im Zentrum des christlichen Glaubensvollzug Marienfrömmigkeit und Mariendogmen, Wallfahrt und eucharistische Anbetung, Papstamt und Papstdogmen? Wo hat die Reflexion auf das Sein der Kirche und ihre Sendung anzusetzen? Wer gibt der Kirche Grund und wie findet sie ihre angemessene Gestalt?

Hier leitet das Zweite Vatikanische Konzil eine grundlegende Neubesinnung ein, indem der dreieine Gott in seiner Zuwendung als Voraussetzung und Grund der Kirche deutlich gemacht wird. Im Anschluss an Paulus wird die Kirche heilsgeschichtlich als »Volk Gottes des Vaters«, »Leib Christi des Sohnes« und als »Tempel des Heiligen Geistes« profiliert. Zum Leitbegriff der Leitbegriffe wird der Gedanke vom wandernden und pilgernden »Volk Gottes«, das auf das Reich Gottes hin unterwegs ist (Lumen Gentium 8). Das Konzil erkennt klar und macht deutlich, dass die heilsgeschichtliche Sicht des Wirkens von Vater, Sohn und Geist in einer dezidiert trinitarischen Sicht der Kirche grundzulegen ist. Daher wird die Kirche, angeregt durch Yves Congar, mit Cyprian von Karthago kommunial als das »von der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk« definiert (Lumen Gentium 4).

Die Einsicht in das geschichtliche Gewordensein der Kirche und der Heiligen Schrift hat noch eine andere Konsequenz: Exegetisch ist nicht zweifelsfrei zu bestimmen, ob sich die Verheißung »auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen« sich auf den vorausgehenden Christus-Glauben bezieht oder ein Bekenntnis der Jerusalemer Gemeinde zur besonderen Stellung des Petrus bezeichnet. Entsprechend kann der nachfolgende Wortlaut entweder die Kirche als ganze bezeichnen oder die traditionell römisch-katholische Auffassung von der Sonderstellung des Petrus nahelegen, heißt es doch: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (Mt 16,18f.). In der Theologie des Papstamtes wird die Aussage als eine überzeitliche Aussage verstanden, welche dem Petrus-Amt und mithin allen seinen Nachfolgern auf der cathedra des Bischofs von Rom gilt. Seither gilt es als Knackpunkt der innerkatholischen Kirchenlehre und der innerchristlichen Ökumene ob der Petrusdienst kollegial oder primatial zu verstehen ist. Geht es um die kirchlich-kollegiale Gemeinschaft in verpflichtender Verbundenheit »mit dem Nachfolger Petri« oder um eine primatial-hierarchische Gemeinschaft in gebundener Verpflichtetheit »unter dem Nachfolger Petri«?

(3.) Zum Weltverhältnis: Katholische Kirche wandte sich in der pianischen Ära gegen die bürgerliche Idee der Freiheit und die Zerrissenheit des modernen Menschen. »Subjektivismus und Modernismus« standen als Kampfbegriffe gegen die neuzeitliche Wende zum Subjekt. Das Verzeichnis der Irrtümer von Pius IX. (die 80 Thesen des Syllabus Errorum von 1864) verurteilte u.a. die persönliche Gewissensfreiheit und Vernunftentscheidung in Sachen Religion ebenso wie die Hoffnung darauf, dass es Heil (ewige Seligkeit) auch außerhalb der institutionellen Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche geben könne. Zugleich richtete sich die Front gegen eine demokratisch aufgebaute Ordnung, die die Rechtskraft aus der Versammlung der Bürger ableitet und diese als selbstbestimmte Träger des Staates auffasst. Wo die Menschen in der Vielfalt ihrer Überzeugungen und Meinungen beteiligt sind, so eine immer noch verbreitete Befürchtung, wächst die Vielfalt und kommt es zu einer unkalkulierbaren Unübersichtlichkeit in der Kirche sowie hinsichtlich ihrer Zeugenfunktion.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist in seinen Texten der erste Versuch in der Geschichte der Kirche, die Kirche selbst, ihr Wesen, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis nicht in Teilen, sondern insgesamt zu beschreiben. Daher ist das Zweite Vatikanische Konzil, wie vielleicht jedes große Konzil, ein Konzil im Übergang, ein Konzil an der Schwelle zu einer neuen Epoche. Diese neue Epoche kündigt sich in den Interdependenzen der Globalisierung, den veränderten sozialen Strukturen, den neuen Kommunikationsformen und der Zerbrechlichkeit lokaler Strukturen und individueller Identitätsprozesse an, ohne dass ihre neue Gestalt schon in jeder Hinsicht absehbar ist. Als Konzil am Beginn eines epochalen Übergangs zu einer globalisierten Welt, nimmt das Konzil unterschiedliche Entwicklungen auf. Darum sind die Texte vielschichtig. Sie haben notwendig Anteil an dieser Situation des Übergangs. Es wäre eine Illusion und es beruht auf einem fundamentalen Missverständnis konziliarer Prozesse, zu meinen, Konzilstexte könnten unzweifelhaft eindeutig sein. Interpretationsfrei ist kein Text, nicht einmal der Text eines einzelnen Autors, der sich im höchsten Maße um sachliche und begriffliche Stringenz bemüht. Schon gar nicht kann dies für Texte gelten, die von mehreren Autoren verfasst sind und unterschiedliche Anliegen unterschiedlicher Gruppen und Traditionen zu berücksichtigen haben. Umgekehrt wäre es unangemessen, einfach von widersprüchlichen Kompromisstexten zu reden. Mitunter erweckt eine solche Behauptung, wonach man aus den Texten des Konzils so gut wie alles herauslesen könne, einen bewusst strategischen Eindruck. Allzu oft scheint der Einwand dem Anliegen zu dienen, die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu karikieren, still zu legen und zu vergleichgültigen. Denn Texte in denen Gegenteiliges behauptet werden kann und alles »gleich« gültig ist, werden am Ende ja belanglos – »gleichgültig«.

In aller Regel sind die Grundoptionen der Texte doch sehr eindeutig. Zudem können ihre Voraussetzungen und Diskussionszusammenhänge genau rekonstruiert werden. Oft werden durch kleine Steuerungen im Sprachgebrauch theologische Richtungsanzeigen vorgenommen oder veränderte Anliegen deutlich gemacht. Sehr genau lässt sich dies etwa anhand des Wechsels von der Realidentifikation zwischen der Kirche Jesu Christi und der römisch-katholischen Kirche (»est«) zur symbolisch gebrochenen Differenz-Einheit zwischen der Kirche Jesu Christi und der römisch-katholischen Kirche nachzeichnen. Diese ist durch Armut, Sünde und pilgernde Vorläufigkeit gezeichnet. Sie stellt daher eine endliche Verwirklichungsweise (»subsistit in«) der Kirche Jesu Christi dar (Lumen Gentium 8). Umgekehrt halten die Acta Synodalia fest und begründen den Wechsel von der Realidentifikation »est« zu »subsistit in« mit dem Hinweis darauf, dass es Elemente des wahren Kircheseins auch außerhalb der römisch-katholischen Kirche gibt (»adsunt«).

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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