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Posts Tagged ‘Erzdiözese Freiburg’

Die Geschichte des Christentums ist nicht nur eine Geschichte der Ausbreitung des christlichen Glaubens, sondern auch eine Geschichte der Ausdifferenzierung desselben. So kann die Ausbildung unterschiedlicher kirchlicher Traditions­zusam­menhänge mit der Wunde von Abspaltung und mit dem Schmerz der Trennung verbunden sein. Ist die Geschichte der Unterscheidung verschiedener Traditionen auch eine Geschichte der Unterscheidung durch Abtrennung und Konflikt, so besteht bei jeder Begegnung die Gefahr, dass die Brüche und Wunden der Vergangenheit in neuer Weise gegenwärtig werden.

Wenn allerdings Christinnen und Christen unterschiedlicher Traditions- und Kirchenzugehörigkeit sich ihr Christsein nicht gegenseitig absprechen und die Realität anerkennen, dass sie sich in den westlichen Gesellschaften in einem Übergang befinden, der mit Infrage­stellung, Anfechtung und Konkurrenz sowie mit einem wachsenden Plausibilisierungsbedarf und Legitimationsdruck einhergeht, dann gibt es keine Alternative zu einem Mehr an innerchristlicher Verständigung und Gemeinsamkeit.

Wenn die getrennten Kirchen um ihre Einheit ringen, so geschieht dies in erster Linie deshalb, weil diese Einheit zu ihrer Wahrheit gehört: »Ich heilige mich für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit. […] Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit auch sie eins seien, wie wir eins sind« (Joh 17, 19-22). Gabe und Aufgabe, Zusage und Antwort sind klar zu unterscheiden, dürfen aber auch nicht voneinander geschieden werden (Einheit als Gabe und Verpflichtung. Eine Studie des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA) zu Johannes 17 Vers 21, Frankfurt/M.-Paderborn 2002; Einheit der Kirche (Zur Sache 25), hg. von F.-O. Scharbau, Hannover 1985.).Freiheit, die nicht individualistisch enggeführt wird, erkennt hier ihre Verpflichtung auf andere Freiheit. Eucharistische Gemeinschaft macht gerade diese christlich-kirchliche Verpflichtung füreinander deutlich (1 Kor 12, 20-26; Apg 2, 43-47; Joh 21).

Mit Klarheit wird daher in der Einleitung der Charta Oecumenica formuliert: »Im Bewusstsein unserer Schuld und zur Umkehr bereit müssen wir uns bemühen, die unter uns noch bestehenden Spaltungen zu überwinden, damit wir gemeinsam die Botschaft des Evangeliums unter den Völkern glaubwürdig verkündigen. Im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort in der Heiligen Schrift und heraus­gefordert zum Bekenntnis unseres gemeinsamen Glaubens sowie im gemeinsamen Handeln gemäss der erkannten Wahrheit wollen wir Zeugnis geben von der Liebe und Hoffnung für alle Menschen.«

Der Anspruch, die Wahrheit Gottes zu bezeugen, kann den Umstand nicht überspringen, dass das Bekenntnis zu Gott zugleich mit dem Bekenntnis zur Einheit der Wahrheit und zum Überschuss der Wahrheit Gottes gegenüber allen endlichen, menschlichen Wahrheitsbezeugungen einhergeht. So ist es zum einen das Bekenntnis zu dem einen Gott und zum anderen die Einsicht in die Endlichkeit und Begrenztheit der eigenen Wahrheitszeugenschaft, welche die verschiedenen christlichen Überlieferungsgemeinschaften in den Dialog miteinander nötigt.

In diesem Dialog kann die Wunde des Anfangs und die Fixierung auf die Ursprungsszene von Trennung überwunden werden, wenn die legitime Inhaltlichkeit der anderen Tradition als eine Repräsentanz von Aspekten entdeckt und gesehen werden kann, die in der eigenen Tradition nicht voll entwickelt wurde, mithin auf eine eigene Beschränkung oder Schwäche hinweist, die Fülle der Wahrheit des Christlichen zu bezeugen. Diese Einsicht kann zu einer Haltung der Anerkennung, Wertschätzung und Würdigung anleiten, in der es möglich ist, jenseits bleibender Fragen und Einsprüche, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, der die Andersheit des Anderen nicht mehr als Bedrohung und Infragestellung versteht, sondern als eine Herausforderung und gegebenenfalls sogar als Bereicherung begreift. In einem Prozess des Aufeinander-Hörens, des Voneinander-Lernens und des Miteinander-Glaubens kann ein Anregen lebendig werden, das den Blick für die innere Vielfalt und Flexibilität der eigenen Tradition schärft und die eigenen Lebensformen zugleich weitet, herausfordert und bestärkt.

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Durch den Fall Samuel Koch hat das Thema Behinderung in der deutschen Öffentlichkeit eine Publizität gewonnen, die bisher nicht vorhanden war. Insofern ist der Fall Koch ein Glücksfall für die deutsche Öffentlichkeit und die Diskussion zum Thema Behinderung. Dass das Thema eingeschlagen hat und mit Aufmerksamkeit wahrgenommen wird, das belegt auch der neue Straßenfeger »Ziemlich beste Freunde«, der neue und witzige Film in der Sache. Doch darf der Film »Ziemlich beste Freunde« nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um eine ganz untypische Ausnahmen handelt.

Welcher Behinderte ist von Haus aus steinreich und besitzt ein schlossartiges Ambiente, wo Geld kein Thema ist, nur das eigene Lebensglück und die Fragen der Beziehung wichtig sind. Wer hat soviel Geld in der Rücklage und dem Barvermögen, dass er sechs oder acht Angestellte rund um die Uhr finanzieren kann?

Wer kennt schon all die jahrelangen Kämpfe um eine angemessene Pflegeeinstufung, Kämpfe mit der Krankenkasse, um jedes Hilfsmittel, Kämpfe mit der Rentenversicherung, um berufsbezogene Zuschüsse. Dutzende, mitunter hunderte Briefe und Einsprüche. monatelange, manchmal jahrelange Wartezeiten bis ein Bescheid erstellt wird.

– So bekam ich jüngst eine Bewilligung im Februar 2012 für einen Antrag vom September 2010. Im deutschen Reha-Wesen ein ganz normaler Vorgang. Wer die Kraft und den Mut nicht verliert, dem bleibt oft nur der Weg, mithilfe eines sozial engagierten Anwaltes oder einer sozial engagierten Anwältin mögliche Unterstützungen zu erstreiten und sogar rechtlich verbriefte Unterstützungsmaßnahmen gerichtlich zu erkämpfen.

Die och das ist in den seltensten Fällen die Realität der großen Zahl von Behinderten in Deutschland. Die meisten müssen kämpfen und kämpfen, oder sie bleiben auf der Strecke. So wie eine Kollegin, deren Rechtsanwalt in aussichtsreicher Situation ihr riet, den Vergleich der gegnerischen Versicherung anzunehmen. Drei Briefe und der Rechtsanwalt bekam 10 % der Summe als Honorar. Dass der Streitwert viel höher lag und die Frau bei guter und engagierter Verhandlungsführung auch 1 Million statt 200.000 € hätte erkämpfen können, und so bis ins hohe Alter versorgt gewesen wäre, spielt dann keine Rolle mehr. Ihr Mann, deutlich älter als sie, war müde. Er konnte nicht mehr und hatte keine Kraft mehr, sie zu unterstützen. Am Schluss ergab sich die Frau Mitte 50 sogar in das Schicksal, dass ihr ein Elektro-Rollstuhl verordnet wurde, indem sie keine angemessene Sitzposition fand und der darum ungenutzt zuhause herumstand, weil sie auch keine Kraft mehr hatte, mit der zuständigen Klinik und dem zuständigen Sanitätshaus um eine adäquate Anpassung des Sitzes zu streiten.

Die meisten Behinderten, die nicht gelernt haben zu kämpfen oder Keine starken privaten Unterstützungssysteme haben, werden von der Last jahrelanger Wartezeiten und wiederholter Ablehnungsbescheide zermürbt. Dabei ist es für die meisten anstrengend genug, mit der Behinderung als solcher zurechtzukommen.

In dem befragenswerten Interview zwischen Peter Hahne und Samuel Koch gibt es einen Satz, der Gold wert ist und wahren Tiefsinn hat. In dem Interview sagt Samuel Koch unter anderem:»Man kann auf jedem Niveau glücklich sein. Man kann auf jedem Niveau unglücklich sein und klagen«. Für jeden Menschen in jeder Lebenssituation stellt sich die Frage, wie ein gelingendes Leben, wie glückliche Zufriedenheit möglich ist. Glücklich zu sein ist keine Frage des Geldes, auch wenn Geld bekanntermaßen beruhigt und Krisensituationen psychisch entlastet. Darin liegt auch das Korn Wahrheit des Filmes »Ziemlich gute Freunde«: ungeschminkte, harte, kantige Authentizität, schwarzer Humor und persönliche Unterstützung im Beziehungsnetz sind für Behinderte von einen noch größeren Stellenwert als dies für Nichtbehinderte – im Szene-Jargon: »normale Zweibeiner« – gilt.

Von solchen Kämpfen, in die Normalität zurückzukehren und zu lernen, auf neuem Niveau die kleinen Erfolge zu feiern und glücklich zu werden, davon berichtet auch die Reportage von Christine Holch, erschienen in: Chrismon: 13. Januar 2012: http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/kopfsprung-zu-flaches-wasser-13437Christine Holch, Kopfsprung in zu flaches Wasser

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Die folgende Spurensuche möchte die Entwicklungen dokumentieren, für die das Konzil steht. In dieser Einführung werden die maßgeblichen Aussageintentionen der vier großen Konstitutionen des Konzils vorgestellt sowie Hinweise und Würdigungen aus einschlägigen Publikationen zusammengestellt. (Beitrag in Arbeit)

  • Das Konzil hat vier Konstitutionen über die Liturgie, über die Offenbarung, über die Lehre von der Kirche und über den pastoralen Auftrag der Kirche veröffentlicht. Konstitutionen sind eine alte Rechtsform, in der dogmatisch relevante Lehrentscheidungen der Kirche veröffentlicht werden, die mit ausführlichen Darlegungen zur Lehre, zur Gestalt und zum Auftrag der Kirche einhergehen.
  • Diese wurden ergänzt durch neun Dekrete. Dekrete besagen, wie das Leben der Kirche ausgestaltet werden soll. So wurden Dekrete über die Sozialen Kommunikationsmittel, die katholischen Ostkirchen, den Ökumenismus, den Auftrag der Bischöfe, das Leben und den Dienst der Presbyter, die Ausbildung der Presbyter und Theologen, das Ordensleben, die Sendung der Christgläubigen im Volk Gottes und die Missionstätigkeit der Kirche erlassen.
  • Hinzu kamen Erklärungen, mit denen die Kirche in einer tastenden Suchbewegung eine Selbstvergewisserung vornimmt, zu Themen, die für sich selbst Neuland beschreiten. So wurden drei Erklärungen zum Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, zur Religionsfreiheit und zur christlichen Erziehung verfasst.

I. Hinführung zu den Konstitutionen

Bernhard Nitsche, Kirche im Widerstreit

1. Zu den Anliegen und Impulsen der Konstitution über die Heilige Liturgie: Sacrosanctum Concilium

2. Zu den Anliegen und Impulsen der Konstitution über die Offenbarung: Dei verbum

3. Zu den Anliegen und Impulsen der Konstitution über die Kirche: Lumen Gentium

4. Zu Anliegen und Impulsen der Konstitution über den pastoralen Auftrag der Kirche: Gaudium et spes

5. Zur Erklärung über die nicht-christlichen Religionen und die Religionstheologien des Konzils im Gegenwärtigen Kontext

Bernhard Nitsche, Religiosität und Religionen –  Der Dialog als Zeichen der Zeit. In: P. Hünermann (Hg.), Das Zweite Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute. Anstöße zur weiteren Rezeption (Karl Kardinal Lehmann zugeeignet). (Herder) Freiburg/Br. u.a. 2006, 146‑160.

Nitsche, Religiosität und Religionen

Nachfolgend werden in Auszügen und Zitaten die Darlegungen oder Würdigungen zu den Konzilstexten von Knut Wenzel und den Autoren von Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil zusammengestellt. Dadurch wird die erste Hinführung und der allgemeinen Überblick auf einschlägige Stellungnahmen aus der Sekundärliteratur hin vertieft.

II. Hinweise aus der Sekundärliteratur

1. Auszüge aus: Knut Wenzel, Kleine Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils. 2005:

2012-Wenzel-Konzil-Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche

2012-Wenzel-Konzil-Dekret-über-die-Bischöfe

2012-Wenzel-Konzil-Dekret-über-die-Erneuerung-des-Ordenslebens

2012-Wenzel-Konzil-Dekret-über-den-Apostolat-der-Laien

2012-Wenzel-Konzil-Dekret-über-Leben-und-Dienst-der-Presbyter

2012-Wenzel-Konzil–Erklärung über die Religionsfreiheit

2012-Wenzel-Konzil-Erklärung-über-die-christliche-Erziehung

2. Würdigungen aus: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. 2005:

2012-Vat-II-Kaczynski-Würdigung-Sacrosanctum Concilium

2012-Vat-II-Sander-Würdigung-Inter Mirifica

2012-Vat-II-Hünermann-Würdigung-Lumen Gentium

2012-Vat-II-Hoping-Würding-Dei Verbum

2012-Vat-II-Sander-Würdigung-GS

2012-Vat-II-Hilberath-Würdigung-Orientalium Ecclesiarum

2012-Vat-II-Hilberath-Würdigung-Unitatis Redintegratio

2012-Vat-II-Bausenhardt-Würdigung-Christus Dominus

2012-Vat-II-Fuchs-Hünermann-Würdigung-Optatam totius

III. Literaturhinweise:

Ausdrücklich darf abschließend auf drei Monographien hingewiesen werden, die noch immer einen übersichtlichen Zugang zum Konzil, seinen Anliegen und Innovationen, sowie zu seinen Rezeptionsproblemen verschaffen:

Knut Wenzel, Kleine Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils. 2005.

Otto Hermann Pesch, das Zweite Vatikanische Konzil: Vorgeschichte – Verlauf – Ergebnis – Wirkungsgeschichte. Neuausgabe dritte Auflage, 2011.

Theodor Schneider, Der verdrängte Aufbruch. Ein Konzilslesebuch. Zweite Auflage 1991.

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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»Es sind vor allen Dingen drei Herausforderungen, auf die das Konzil nach dem Zweiten Weltkrieg und am Beginn der 1960-er Jahre eine Antwort suchte: die Herausforderung zu einer umfassenden Sicht der Kirche, die Herausforderung zu einer neuen Wertschätzung der anderen christlichen und religiösen Traditionen und die Herausforderung zu einem positiven Verhältnis zur modernen Welt und den Menschen in ihr« – so wurde bereits einleitend gesagt. Dieser Herausforderungen werden im kontrastiven Rückblick besonders deutlich:

(1.) Zum Selbstverständnis: Nachdem das Erste Vatikanische Konzil aufgrund des deutsch-französischen Krieges abgebrochen worden war, stand das Zweite Vatikanische Konzil vor der Aufgabe, dessen ungelöste Fragen – unter anderem den Entwurf einer vollständigen Lehre von der Kirche – aufzunehmen. Das Erste Vatikanische Konzil hatte die Kirche in Reaktion auf die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie gegenüber den nationalen Ansprüchen Frankreichs durch eine Apotheose des Papstamtes zu stärken gesucht. Das Papstamt wurde in einer Zuspitzung der konfessionellen und antireformatorischen Mentalität in der römisch-katholischen Kirche zu einem Modell der »Papstmonarchie« (Hermann Josef Pottmeyer, Walter Kasper, u.a.) ausgebaut. Die Unfehlbarkeit bei autoritativen Lehrentscheidungen und die Ungebundenheit in der Jurisdiktion verliehen dem Papstamt eine Stellung und Vollmacht, die es so zuvor in der Kirchengeschichte nicht gehabt hatte. Dieses monarchische »Top-down-Modell« führte zu einer weit verbreiteten Identifikation von römisch-katholischer Kirche und Papstamt. Der Papst schien nun das wichtigste und einzig maßgebliche Subjekt im Lebensvollzug der römisch-katholischen Kirche zu sein.

Darüber hinaus konnte dies auch zu hemmungslosen Übertreibungen und irrigen Meinungen Anlass geben. Wenn der Papst unfehlbar ist und in letzter Verantwortung alle Rechtsgewalt inne hat, kann er dann nicht alles zentral lenken und entscheiden? Bedarf es dann überhaupt noch der Theologie? Kann die Theologie dann noch etwas anderes sein als eine Erklärung und Auslegung päpstlicher Äußerungen und Verlautbarungen? Kann es dann überhaupt noch weitere Konzilien geben? Sind diese im Kern nicht überflüssig? Müssen diese nicht notwendig zum Affront gegenüber einem mit allen Vollmachten ausgestatteten Papst werden? Bedarf es der aktiven Teilnahme und Teilhabe aller am kirchlichen Lebensvollzug? Bedarf es nationaler und kontinentaler Bischofskonferenzen?

Noch immer kann es passieren, dass die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes von Zeitgenossen innerhalb und außerhalb der Kirche als eine »persönliche« Auszeichnung des Papstes verstanden wird. Dann verbindet sich mit der Lehrentscheidung die Meinung, dass ein Papst auch persönlich sich nie irren könne. Diese persönliche Sakralisierung trifft natürlich nicht den Kern der Sache. Von ihrer Intention und ihrem Kontext her war die Lehrentscheidung von der Unfehlbarkeit einerseits gegen den Versuch gerichtet, den Glauben der römisch-katholischen Kirche in die Abhängigkeit von nationalen (zum Beispiel französischen) Synoden zu bringen, die stärker unter dem Einfluss ihrer jeweils nationalen Regierung standen und deren Interessen verpflichtet sein konnten. Andererseits unterliegt auch das Unfehlbarkeitsdogma nicht nur formalen Kriterien des Zu-Stande-Kommens, sondern bezieht sich material auch auf den – immer schon überlieferten – Glauben der römisch-katholischen Kirche. So darf nichts zum Dogma erhoben werden, was den seit langem überlieferten Glauben außer Kraft setzt oder ihm widerspricht. Ein Papst, der das Bekenntnis zur Auferstehung Jesu Christi abschaffen wollte, würde sich, gerade aufgrund des Unfehlbarkeitsdogmas, selbst exkommunizieren. Wurde mit der Ankündigung des Konzils von manchen – in einer Fortschreibung der Mariendogmen der Pius-Päpste – die Verkündigung eines Dogmas über die »Miterlöserschaft Mariens« befürchtet, so darf es als eine Wegweisung des Konzils gelten, dass es die Mariologie in die Lehre von der Kirche integrierte und das Anliegen eines solchen Dogmas, welche die alleinige Erlöserschafft Jesu Christi infrage stellen könnte, der Sache nach überwand.

Letztendlich ist das Dogma von der Unfehlbarkeit und die Festschreibung primatialer Jurisdiktion Ausdruck des Versuches, die Unabhängigkeit der römisch-katholischen Kirche und ihrer Glaubensüberlieferung zu gewährleisten. Dies geschieht im Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist in der Kirche wirkt und auch die Lehrentscheidungen der Kirche leitet. Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt hier eine entscheidende Korrektur vor. Es trägt dem Umstand Rechnung trägt, dass dogmatische Lehrentscheidungen oft Notlösungen und Kompromissentscheidungen gebliebensind und bleiben mussten. Insofern bringt die Lehre von der Unfehlbarkeit die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Kirche, wenn sie zu solchen Entscheidungen genötigt ist – in der Kraft des Geistes – nicht in die Irre geht, also sich selbst und ihren Auftrag nicht völlig verfehlt (Lumen Gentium 12). Diese Korrektur macht deutlich, zu welcher ehrlichen Bescheidenheit die Rede vom armen, mit Sündern erfüllten und auf das Reich Gottes hin pilgernden Volk Gottes ist.

Dennoch und nahezu unvermeidlich gehört es zu den Ambivalenzen der Unfehlbarkeitslehre und des Jurisdiktionsprimates, dass diese Dogmen die Autorität der Kirche durch eine Reproduktion der autoritären Systeme des 18./19. Jahrhunderts zu sichern versuchten. Damit konnte der Eindruck entstehen, die römisch-katholische Kirche sei die religiös-monarchischen Gegenwelt zu der profanen, politisch-monarchischen Welt. Diese Entgegensetzung förderte ein gegensätzliches Denken von heilig und profan, von Kirche oder Welt. Neben den Papstdogmen verstärkte die Verkündigung der Dogmen von der Erbsündenfreiheit Mariens (1854) und ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel (1950) die konfessionalisierende Mentalität, also die Meinung, katholisch sei insbesondere das, was römische Katholiken spezifisch von Christen anderer Konfessionen unterscheide. Damit geriet das Gemeinsame, die all-umfassende Weite und Plural-Einheit des Katholischen i.S.d. Glaubensbekenntnisses, aus dem Blick. In dieser Weise wurde das Randständige zentral und das zentral Gemeinsame, etwa das trinitarische Glaubensbekenntnis oder die gemeinsame Taufe, das gemeinsame Christsein peripher.

Geprägt war die Zeit vor dem Konzil durch die Zeit der Pius-Päpste oder die »pianische Ära«. Aufs Ganze gesehen war dies eine Zeit des Umbruchs und der Reformen aus einem konfessionellen und konservativem Geiste. Diese Epoche reichte von Pius IX (1846-1878), über Leo XIII (1878-1903), Pius X (1903-1914), Gregor XV (1914 bis 1922), Pius XI (1922-1939) bis Pius XII (1939-1958). Mehr als ein Jahrhundert lang verstand sich die römisch-katholische Kirche als ein Bollwerk gegenüber der Moderne und ihren rasanten Wandlungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie und Politik. Kirche und Papst konnten so als »Fels in der Brandung« gegen die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, gegen die Ideologien von Liberalismus, Kommunismus und Faschismus profiliert werden.

(2.) Zur Ökumene: In der Neuzeit entwickelte sich das Bewusstsein für die geschichtlichen Wandlungsprozesse großer Kulturen, Nationen und Institutionen. Mit dem Bewusstsein für die Geschichtlichkeit der Kirche und den geschichtlichen Wandel in der Kirche wuchs zugleich die Einsicht, dass das, was als römisch-katholisch anzusehen ist, nicht zu allen Zeiten in gleicher Weise bestand.

In Reaktion auf die Reformation wurden Marienfrömmigkeit und Mariendogmen, wurden Wallfahrt und eine vom eucharistischen  Vollzug losgelöste eucharistische Verehrung, wurden Papstamt und Papstdogmen zu den entscheidenden Merkmalen konfessioneller Differenz. Damit kam es zum Konflikt und Widerstreit, wie sich konfessionelle Differenz und christliche Essenz zueinander verhalten. Stehen im Zentrum des christlichen Glaubensvollzug Marienfrömmigkeit und Mariendogmen, Wallfahrt und eucharistische Anbetung, Papstamt und Papstdogmen? Wo hat die Reflexion auf das Sein der Kirche und ihre Sendung anzusetzen? Wer gibt der Kirche Grund und wie findet sie ihre angemessene Gestalt?

Hier leitet das Zweite Vatikanische Konzil eine grundlegende Neubesinnung ein, indem der dreieine Gott in seiner Zuwendung als Voraussetzung und Grund der Kirche deutlich gemacht wird. Im Anschluss an Paulus wird die Kirche heilsgeschichtlich als »Volk Gottes des Vaters«, »Leib Christi des Sohnes« und als »Tempel des Heiligen Geistes« profiliert. Zum Leitbegriff der Leitbegriffe wird der Gedanke vom wandernden und pilgernden »Volk Gottes«, das auf das Reich Gottes hin unterwegs ist (Lumen Gentium 8). Das Konzil erkennt klar und macht deutlich, dass die heilsgeschichtliche Sicht des Wirkens von Vater, Sohn und Geist in einer dezidiert trinitarischen Sicht der Kirche grundzulegen ist. Daher wird die Kirche, angeregt durch Yves Congar, mit Cyprian von Karthago kommunial als das »von der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk« definiert (Lumen Gentium 4).

Die Einsicht in das geschichtliche Gewordensein der Kirche und der Heiligen Schrift hat noch eine andere Konsequenz: Exegetisch ist nicht zweifelsfrei zu bestimmen, ob sich die Verheißung »auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen« sich auf den vorausgehenden Christus-Glauben bezieht oder ein Bekenntnis der Jerusalemer Gemeinde zur besonderen Stellung des Petrus bezeichnet. Entsprechend kann der nachfolgende Wortlaut entweder die Kirche als ganze bezeichnen oder die traditionell römisch-katholische Auffassung von der Sonderstellung des Petrus nahelegen, heißt es doch: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (Mt 16,18f.). In der Theologie des Papstamtes wird die Aussage als eine überzeitliche Aussage verstanden, welche dem Petrus-Amt und mithin allen seinen Nachfolgern auf der cathedra des Bischofs von Rom gilt. Seither gilt es als Knackpunkt der innerkatholischen Kirchenlehre und der innerchristlichen Ökumene ob der Petrusdienst kollegial oder primatial zu verstehen ist. Geht es um die kirchlich-kollegiale Gemeinschaft in verpflichtender Verbundenheit »mit dem Nachfolger Petri« oder um eine primatial-hierarchische Gemeinschaft in gebundener Verpflichtetheit »unter dem Nachfolger Petri«?

(3.) Zum Weltverhältnis: Katholische Kirche wandte sich in der pianischen Ära gegen die bürgerliche Idee der Freiheit und die Zerrissenheit des modernen Menschen. »Subjektivismus und Modernismus« standen als Kampfbegriffe gegen die neuzeitliche Wende zum Subjekt. Das Verzeichnis der Irrtümer von Pius IX. (die 80 Thesen des Syllabus Errorum von 1864) verurteilte u.a. die persönliche Gewissensfreiheit und Vernunftentscheidung in Sachen Religion ebenso wie die Hoffnung darauf, dass es Heil (ewige Seligkeit) auch außerhalb der institutionellen Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche geben könne. Zugleich richtete sich die Front gegen eine demokratisch aufgebaute Ordnung, die die Rechtskraft aus der Versammlung der Bürger ableitet und diese als selbstbestimmte Träger des Staates auffasst. Wo die Menschen in der Vielfalt ihrer Überzeugungen und Meinungen beteiligt sind, so eine immer noch verbreitete Befürchtung, wächst die Vielfalt und kommt es zu einer unkalkulierbaren Unübersichtlichkeit in der Kirche sowie hinsichtlich ihrer Zeugenfunktion.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist in seinen Texten der erste Versuch in der Geschichte der Kirche, die Kirche selbst, ihr Wesen, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis nicht in Teilen, sondern insgesamt zu beschreiben. Daher ist das Zweite Vatikanische Konzil, wie vielleicht jedes große Konzil, ein Konzil im Übergang, ein Konzil an der Schwelle zu einer neuen Epoche. Diese neue Epoche kündigt sich in den Interdependenzen der Globalisierung, den veränderten sozialen Strukturen, den neuen Kommunikationsformen und der Zerbrechlichkeit lokaler Strukturen und individueller Identitätsprozesse an, ohne dass ihre neue Gestalt schon in jeder Hinsicht absehbar ist. Als Konzil am Beginn eines epochalen Übergangs zu einer globalisierten Welt, nimmt das Konzil unterschiedliche Entwicklungen auf. Darum sind die Texte vielschichtig. Sie haben notwendig Anteil an dieser Situation des Übergangs. Es wäre eine Illusion und es beruht auf einem fundamentalen Missverständnis konziliarer Prozesse, zu meinen, Konzilstexte könnten unzweifelhaft eindeutig sein. Interpretationsfrei ist kein Text, nicht einmal der Text eines einzelnen Autors, der sich im höchsten Maße um sachliche und begriffliche Stringenz bemüht. Schon gar nicht kann dies für Texte gelten, die von mehreren Autoren verfasst sind und unterschiedliche Anliegen unterschiedlicher Gruppen und Traditionen zu berücksichtigen haben. Umgekehrt wäre es unangemessen, einfach von widersprüchlichen Kompromisstexten zu reden. Mitunter erweckt eine solche Behauptung, wonach man aus den Texten des Konzils so gut wie alles herauslesen könne, einen bewusst strategischen Eindruck. Allzu oft scheint der Einwand dem Anliegen zu dienen, die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu karikieren, still zu legen und zu vergleichgültigen. Denn Texte in denen Gegenteiliges behauptet werden kann und alles »gleich« gültig ist, werden am Ende ja belanglos – »gleichgültig«.

In aller Regel sind die Grundoptionen der Texte doch sehr eindeutig. Zudem können ihre Voraussetzungen und Diskussionszusammenhänge genau rekonstruiert werden. Oft werden durch kleine Steuerungen im Sprachgebrauch theologische Richtungsanzeigen vorgenommen oder veränderte Anliegen deutlich gemacht. Sehr genau lässt sich dies etwa anhand des Wechsels von der Realidentifikation zwischen der Kirche Jesu Christi und der römisch-katholischen Kirche (»est«) zur symbolisch gebrochenen Differenz-Einheit zwischen der Kirche Jesu Christi und der römisch-katholischen Kirche nachzeichnen. Diese ist durch Armut, Sünde und pilgernde Vorläufigkeit gezeichnet. Sie stellt daher eine endliche Verwirklichungsweise (»subsistit in«) der Kirche Jesu Christi dar (Lumen Gentium 8). Umgekehrt halten die Acta Synodalia fest und begründen den Wechsel von der Realidentifikation »est« zu »subsistit in« mit dem Hinweis darauf, dass es Elemente des wahren Kircheseins auch außerhalb der römisch-katholischen Kirche gibt (»adsunt«).

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Am 09.10.1958 starb Papst Pius XII., der die Kirche wie ein intellektuell begabter und aufgeklärter Fürst durch die Wirren von Weltkrieg und Totalitarismus geführt hatte. Ihm folgte Papst Johannes XXIII, der ehemalige Patriarch von Venedig, der zuvor Nuntius in Frankreich und vatikanischer Delegat auf dem Balkan war und während des Krieges auch die ethnischen Säuberungen und die Judenverfolgung recht unmittelbar erlebt hatte. Er wird schnell, am 28.10.1958 in einem Konklave gewählt, das keinen Favoriten kannte. Johannes XXIII. ist 77 Jahre alt und gilt als Übergangsfigur. Von einer solchen Übergangsfigur wird Konstanz und Kontinuität erwartet. Die Abläufe einer eingespielten Vatikan-Bürokratie und einer weltweit agierenden Kirche sollen in ruhigem Fahrwasser voranschreiten. Veränderungen können im hohen Alter ja ohnehin kaum erwartet werden. Sie sind von den Bürokratien und Kardinälen der Kurie auch nicht erwünscht, nicht gewollt. Sie würden das seit Jahrzehnten eingespielte System irritieren.

Doch genau dieses Unerwartete geschieht. Der bodenständige und bauernschlaue Angelo Roncalli, Papst Johan­nes XXIII., wusste als ausgebildeter Patrologe um die Theologie der Kirchenväter, er kannte die Nouvelle Theologie in Frankreich und die liturgische Bewegung in Deutschland und er wusste von den unheiligen Abgründen der Kirchengeschichte, von den Grenzen der Diplomatie während der Judenverfolgung auf dem Balkan und von der Tragik der Flüchtlingssituation in Griechenland. Den Atheismus und religiösen Indifferentismus begriff er nicht als Signal zum Rückzug, sondern als eine Herausforderung zur Öffnung. Die Kirche kann nur Kirche sein, wenn sie offen und offensiv in der Welt engagiert ist und auch die Katholiken sich als Bürger der Welt verstehen.

Nach seinem Selbstzeugnis hatte Papst Johannes XXIII. die Idee zum Konzil während eines Gesprächs im Januar 1959 mit dem damals amtierenden Kardinalstaatssekretär Domenico Tardini und Giovanni Battista Montini, Erzbischof von Mailand, der später Kardinalstaatssekretär werden sollte. Es ist das alltägliche Gefühl einer gewissen Muffigkeit und einer Erstarrung in Routine, welche Papst Johannes XXIII. gegen den Widerstand einer Reihe von Kurienkardinälen dafür plädieren lässt, die Fenster der Kirche zu öffnen, um frische Luft herein zu lassen. Typisch die Anekdote, wonach Kardinal Tardini sich gelegentlich über »den da oben« beschwerte. So soll Papst Johannes XXIII. einmal geantwortet haben: »Geliebter Tardini, ‚der da oben‘ ist unser Herr und Gott im Himmel, ich bin nur ‚der da oben‘ im vierten Stock«. So scheint es, dass die theologischen Hierarchien innerhalb der Mauern des Vatikans gelegentlich durcheinander gekommen sein konnten.

Das Konzil ist ein Wagnis zur Offenheit und zur Zukunft. Dieses Wagnis war der eingespielten kurialen Bürokratie nicht genehm. immerhin hatte die Kurie während des langen Pontifikats von Papst Pius XII. erhebliche Macht in ihren Reihen versammelt. So lag es im Interesse der Kurie, ihre 73 vorbereiteten Schemata einfach vorzulegen und bestätigen zu lassen und das Konzil schneller als eröffnet, wieder zu Ende zu bringen. Dem stellt sich Papst Johannes XXIII. entgegen, indem er ausdrücklich eine »Verheutigung der Botschaft« (ein Aggiornamento) einforderte und sich in der Eröffnungsansprache des Konzils (1962) gegen die Pessimisten und »Unheilspropheten« wandte, die er nicht zu Unrecht auch in den eigenen Reihen vermutete.

Es gehört zu den Schlüsselszenen des Konzils, dass sich die versammelten Bischöfe am Beginn des Konzils weigerten, einfach die vorbereiteten Schemata abzuwin­ken. In diesem Akt entdeckten die Bischöfe sich selbst als kirchenleiten­des Gremium, wurden Bischofsamt und Bischofsversammlung in ihrer ekklesiologischen Bedeutung praktisch neu erfunden. Überhaupt ist das Zweite Vatikanische Konzil das erste Konzil in der Geschichte der Kirche, auf dem sich die Kirche wirklich umfassend als Weltkirche zusammenfindet und vollzieht (Karl Rahner). Wann waren zuvor Bischöfe aus Europa und Nordamerika, aus Lateinamerika und Afrika, aus Asien und Ozeanien gemeinsam in Rom über Monate und Jahre hinweg versammelt?

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Dieses Konzil ist das erste Konzil in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche, das den Glauben der katholischen Kirche in der Gegenwart und im Blick auf den Dialog mit der Welt nicht in Abgrenzung und in Bruchstücken, sondern umfassend und positiv vorstellen will. So ist das Konzil und sind seine Texte eine Einladung, den katholischen Glauben neu zu entdecken und das Verhältnis von Kirche und Welt neu zu buchstabieren.

Das Konzil trägt die positive Handschrift des Gottvertrauens und der Zuversicht, aus der heraus Papst Johannes XXIII. es einberufen hat. Das Konzil zielt auf das Gespräch mit den Menschen der Welt, weil es Gott zutraut, unter allen Menschen, solche guten Willens zu finden, die bereit sind, an der neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes mitzuwirken, die in einer sich globalisierenden Welt an einer neuen Verbundenheit und Solidarität arbeiten, in der die Menschen ihre fundamentalen Rechte zuerkannt bekommen; die an einer umfassenden Humanisierung des Menschen arbeiten, welche der Transzendenz-Offenheit des Menschen auf Gott hin, seiner Menschen-Verbundenheit über nationale Schranken hinweg und der Zukunfts-Verantwortung des Menschen gerecht wird.

Es ist ein Konzil, das sich nach außen richtet (ad extra). Doch geschieht dies in dem Bewusstsein, dass der Weltbezug und der Selbstbezug von Kirche (ad intra) sakramental zusammenhängen. Die Glaubwürdigkeit nach außen kann nur durch eine Glaubwürdigkeit im Innern – und umgekehrt – gewonnen werden.

Es sind vor allen Dingen drei Herausforderungen, auf die das Konzil nach dem Zweiten Weltkrieg und am Beginn der 1960-er Jahre eine Antwort sucht: die Herausforderung zu einer umfassenden Sicht der Kirche, die Herausforderung zu einer neuen Wertschätzung der anderen christlichen und religiösen Traditionen und die Herausforderung zu einem positiven Verhältnis zur modernen Welt und den Menschen in ihr.

Die Konflikte innerhalb der römisch-katholischen Kirche sind im Kern auch Konflikte um die angemessene Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Wegweisungen. Nicht zufällig kreisen diese seit Jahren um die drei zentralen Problempunkte:

  • Welches Verhältnis wollen Katholiken und will die römisch-katholische Kirche zum modernen Menschen und zu seiner modernen Welt einnehmen?
  • Welches Verhältnis wollen Katholiken und will die römisch-katholische Kirche zu den anderen christlichen Gemeinschaften und Kirchen, sowie zu den Menschen anderen Glaubens oder anderer Weltanschauung realisieren?
  • Welches Selbstverständnis prägt Katholiken und die römisch-katholische Kirche im Innern und welcher Umgang, welches Selbst-Verhältnis verwirklichen sie nach innen und nach außen?

Es kann daher nicht verblüffen, dass die Traditionalisten der »Pius-Bruderschaft« bis heute genau diese drei Herausforderungen unter dem Banner für einen papalistischen Papst und einen konfessionalistischen Katholizismus ablehnen. Umgekehrt war es Karl Rahner, der bereits vier Tage nach Beendigung des Konzils prophetisch voraussagte: Es wird noch lange dauern »bis die Kirche, der ein II. Vatikanisches Konzil von Gott geschenkt wurde, die Kirche des II. Vatika­nischen Konzils sein wird«.

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Letzthin war ich zu einer Tagung über die »soziale Trinitätslehre« eingeladen. Für diese Tagung hatte ich vergessen, den Akku meines mobilen Pflegelifters mitzunehmen. Obwohl ich mir eine Liste mit den Dingen erstellt hatte, die ich routinemäßig auf Reisen mitzunehmen habe, ist mir dieses Missgeschick passiert. Denn natürlich hatte ich auf der Liste nicht zwischen Lifter, Lifter-Koffer und Lifter-Akku unterschieden. Der Sache nach erschien dieser Umstand eine Katastrophe zu sein, denn er hätte bedeutet, dass ich im Zweifelsfall nicht zu Bett gebracht und gelagert hätte werden können.
Doch dank einer kreativen Denkpause und der humorvollen Aufnahme der Situation konnte sich in entspannter Atmosphäre ein wegweisender Gedanke Bahn brechen. Ein Kollege schlug vor, mich mit Hilfe der zahlreich vorhandenen studentischen manpower und womenpower im Lifter-Tuch zu tragen. Um den Aufwand gering zu halten, wurde das Bett mit der Kopfseite in den Raum gedreht und der Elektrorollstuhl passgenau an das Kopfende gefahren. Sodann nahmen mich – bzw. mein Tuch mit mir – zwölf Hände mit den dazugehörigen gut gelaunten Gesichtern an den entsprechenden Schlaufen in ihre Obhut. Weil der Rollstuhl direkt am Bett stand, war der Weg minimal, flutschte ich sozusagen auf mein Nachtlager.
Am nächsten Morgen wurde die Aktion in umgekehrter Richtung durchgeführt. Ruckzuck saß ich im Rollstuhl, Ruckzuck konnte ich oben herum angekleidet werden und danach frühstücken.
Wenn ein Wille da ist, das Netzwerk der Beziehungen unkompliziert zusammenarbeitet und die heitere und humorvolle Seite von Missgeschicken in den Blick kommt, dann kann Unverhofftes im Netz aufgefangen, Unlösbares kreativ bearbeitet und Inklusion im besten Sinne lebendig werden.

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Januar 2012

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