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Archive for the ‘Unzeitgemäße Betrachtungen’ Category

Der Mensch verstrickt in Selbstverfehlung und Entfremdung
Die Höllen des Lebens sind vielfach dadurch bestimmt, dass Menschen sich in überzogener Egomanie narzistisch selbst fixiert spiegeln oder – schwer wiegender noch – unfähig sind, sich selbst in ihrer Begrenztheit anzunehmen und zu lieben.
Mit der Anthropologie und Christologie des Konzils können wir zunächst festhalten, dass der Mensch sich selbst Frage und Rätsel ist und erst in der Begegnung mit Jesus Christus in jener Eindeutigkeit kommt, in der der verborgene und unendliche Gott eindeutig zur Zusage und Anschaulichkeit wird: »Durch Christus und in Christus also wird das Rätsel von Schmerz und Tod hell, das außerhalb seines Evangeliums uns überwältigt« (GS 22).
Die Grundaussage biblischer Geschichtsdeutung lautet: Gott hat die Welt nicht so gewollt und nicht so gemacht, wie sie uns konkret begegnet. Er wollte und will das Leben und nicht den Tod; er verabscheut Unrecht, Gewalt und Lüge. Er will nicht, dass Menschen leiden, er will das Glück des Menschen in der Gemeinschaft mit ihm.
Um diesen ursprünglichen Willen und diesen ursprünglichen Plan Gottes auszudrücken, erzählt die Bibel die Geschichte vom Paradies. Das paradiesische Leben ist eine kontrastive Verheißung, die Gottes ursprünglichen Plan und Willen für den Menschen offenbart. Doch hat der Mensch diese Verheißung bereits am Anfang ausgeschlagen und damit Gottes Gutes Wollen vereitelt. Dem prinzipiellen und ewigen Wollen Gottes im Anfang entspricht so die mythische und archetypische Erzählung vom Anfang der Sünde und den Zerwürfnissen unter den Menschen.
In der Analyse des Textes von Gen 2–3 ist zu erkennen, dass »der Schlang der Begierde« die Menschen im inneren Dialog mit sich selber dazu antreibt, der von Gott gesetzten, geschöpflichen Grenze nicht zu vertrauen und in der permanenten Überschreitung und Grenzenlosigkeit leben zu wollen. Das Misstrauen gegenüber der eigenen Endlichkeit, die Gier alle Grenzen überschreiten zu wollen, geht mit der Entfremdung von Gott, der der Gott des Lebens ist, Hand in Hand.
Der Mensch, der mehr sein will als er soll und kann, setzt sich unter Druck. Mehr als ich bin, sein zu wollen, bedeutet permanente Überforderung und anhaltende Enttäuschung. Unter diesem Druck wird der Mensch in die Perversion getrieben, Gott zu Misstrauen, um wie ein rivalisierender Götze zu sein und sein Leben unerbittlich selbst in die Hand zu nehmen.
Der Angst, zu kurz zu kommen, entspringt die maßlose Gier nach mehr, die Neid und Rivalität, Scham und Schuldverleugnung, verwehrte Anerkennung und Hass, die schließlich Mord und Todschlag freisetzt. Gier, Neid und Hass werden in der christlichen Tradition nicht zufällig als Todsünden bestimmt. Sie beschreiben Einstellungen und Haltungen, welche das Leben zerstören. Interessanterweise geschieht das nicht nur im Christentum: Gier, Neid und Hass sind auch die zentralen »Geistesgifte« der buddhistischen Tradition, welche spirituell als zerstörerisch und zersetzend angesehen werden.
In der Dramaturgie der Schrift geht die Spirale der Gewalt aus der Spirale der Begierde und diese aus der Angst zu kurz zu kommen hervor: Die Folgen der Entfremdung von Gott sind groß. Der Mensch wird nun seinem Mitmenschen entfremdet; Mann und Frau, die sich ursprünglich in Liebe gegenseitig Hilfe und Stütze sein sollten, werden sich zur Versuchung und zum Verderben. Der Mensch wird auch sich selbst entfremdet; er schämt sich, weil er bloß dasteht. Nicht seine Nacktheit als solche ist Anlass der Scham. Vielmehr entspringt die Scham dem Schamgefühl oder Schamempfinden des Menschen, dem Spüren der Diskrepanz zwischen Selbstidealisierung und Fremdwahrnehmung. Es ist die Diskrepanz zwischen dem wer ich bin und wie ich bin und dem wer gerne wäre und wie ich gerne wäre.
Der Mensch wird in dieser Spirale sukzessive dem Leben und schließlich den Mitmenschen und dem Menschsein überhaupt entfremdet: In der Geschichte von der Ermordung Abels durch Kain überschreitet der Mensch die Grenze zum Mitmenschen. Er gönnt dem anderen nicht die Liebe und das Wohlwollen Gottes, er wird eifersüchtig, und diese Eifersucht ist für den anderen tödlich (Gen 4). Es kommt zum Teufelskreis von Schuld und Rache zwischen den Menschen (Gen 4,23-24). Die mythisch aufgeladene Erzählung von der Vermählung von Menschen mit Göttersöhnen und der daraus hervorgehenden Geburt der »Helden der Vorzeit« hat eine entmythologisierende Sinnspitze. Denn in der mythischen Überhöhung zum Übermenschen verlieren die Menschen das Gespür, das Maß für ein menschliches Mensch-Sein. Sie überschreiten im Wahn der Gier die Grenze zum Übermenschlichen, Heroischen, Heldenhaften. Die Folge ist das Hereinbrechen des Chaos in der Sintflut (Gen 6).
Und noch eine Szene stellt den Größenwahn des Menschen, die Gigantomanie der Gier nach Mehr vor Augen: In der Geschichte vom Turmbau zu Babel schließlich überschreitet der Mensch seine Grenzen auch im kulturellen Bereich. Die Folge ist ein Babel, d. h. eine Wirrsal von Ambitionen und Konkurrenzen, wo keiner mehr keinen versteht. Babylon ist das Szenenbild für den Super-Gau menschlicher Kommunikation: Die Völker haben das Gespür für die Menschlichkeit verloren. Sie wetteifern um die höchsten Türme und besten Volkswirtschaften. Im Konkurrenzkampf leben sie sich auseinander, stehen gegeneinander. Vereinzelt und zerstreut, verlieren sie die Kompetenz sich zu verstehe. Das Gespür dafür, in den vielen unterschiedlichen Sprachen von Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden, geht dadurch verloren. Babylon (Gen 11) ist auch in der intertextuelle Exegese der biblischen Redaktion das Gegenbild zu Pfingsten (Apg 2).

© Bernhard Nitsche, ESA Freiburg, Dezember 2010

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