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Archive for the ‘Normal ist, verschieden zu sein’ Category

Eine Gutachterin votierte vor kurzem dafür, dass für Menschen mit  vollständigen Lähmungen an allen Extremitäten, die ohne Funktion der Finger sind und rund um die Uhr pflegerische Hilfen benötigen bzw. Betreuungsbedarfe haben,– so, wie es der Öffentlichkeit von Samuel Koch her annähernd bekannt und anschaulich ist, – Pflegestufe II völlig ausreichend sei.

Wer um die Kämpfe behinderter Menschen weiß, wer um die Kämpfe weiß, die inzwischen auch Samuel Koch eingeholt haben, muss das als zynisch empfinden. Die Testfrage ist ganz einfach: Wären die entsprechenden Gutachter, wären die entsprechenden Richter des Sozialgerichtes bereit, die notwendige Rundumversorgung mit Tag- und Nachteinsätzen nur drei Monate lang zum Gehalt von Pflegestufe II zu übernehmen?
Der Richter in meinem Verfahren meinte, das könne man vom Gutachter nicht erwarten. Aber umgekehrt erwartet man von Schwerbehinderten eine Unterdeckung von 500 bis 2000 Euro pro Monat selbst zu finanzieren, bis alle Rücklagen aufgebraucht sind und nur die Sozialhilfe bleibt: spricht das nicht Bände?

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Durch den Fall Samuel Koch hat das Thema Behinderung in der deutschen Öffentlichkeit eine Publizität gewonnen, die bisher nicht vorhanden war. Insofern ist der Fall Koch ein Glücksfall für die deutsche Öffentlichkeit und die Diskussion zum Thema Behinderung. Dass das Thema eingeschlagen hat und mit Aufmerksamkeit wahrgenommen wird, das belegt auch der neue Straßenfeger »Ziemlich beste Freunde«, der neue und witzige Film in der Sache. Doch darf der Film »Ziemlich beste Freunde« nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um eine ganz untypische Ausnahmen handelt.

Welcher Behinderte ist von Haus aus steinreich und besitzt ein schlossartiges Ambiente, wo Geld kein Thema ist, nur das eigene Lebensglück und die Fragen der Beziehung wichtig sind. Wer hat soviel Geld in der Rücklage und dem Barvermögen, dass er sechs oder acht Angestellte rund um die Uhr finanzieren kann?

Wer kennt schon all die jahrelangen Kämpfe um eine angemessene Pflegeeinstufung, Kämpfe mit der Krankenkasse, um jedes Hilfsmittel, Kämpfe mit der Rentenversicherung, um berufsbezogene Zuschüsse. Dutzende, mitunter hunderte Briefe und Einsprüche. monatelange, manchmal jahrelange Wartezeiten bis ein Bescheid erstellt wird.

– So bekam ich jüngst eine Bewilligung im Februar 2012 für einen Antrag vom September 2010. Im deutschen Reha-Wesen ein ganz normaler Vorgang. Wer die Kraft und den Mut nicht verliert, dem bleibt oft nur der Weg, mithilfe eines sozial engagierten Anwaltes oder einer sozial engagierten Anwältin mögliche Unterstützungen zu erstreiten und sogar rechtlich verbriefte Unterstützungsmaßnahmen gerichtlich zu erkämpfen.

Die och das ist in den seltensten Fällen die Realität der großen Zahl von Behinderten in Deutschland. Die meisten müssen kämpfen und kämpfen, oder sie bleiben auf der Strecke. So wie eine Kollegin, deren Rechtsanwalt in aussichtsreicher Situation ihr riet, den Vergleich der gegnerischen Versicherung anzunehmen. Drei Briefe und der Rechtsanwalt bekam 10 % der Summe als Honorar. Dass der Streitwert viel höher lag und die Frau bei guter und engagierter Verhandlungsführung auch 1 Million statt 200.000 € hätte erkämpfen können, und so bis ins hohe Alter versorgt gewesen wäre, spielt dann keine Rolle mehr. Ihr Mann, deutlich älter als sie, war müde. Er konnte nicht mehr und hatte keine Kraft mehr, sie zu unterstützen. Am Schluss ergab sich die Frau Mitte 50 sogar in das Schicksal, dass ihr ein Elektro-Rollstuhl verordnet wurde, indem sie keine angemessene Sitzposition fand und der darum ungenutzt zuhause herumstand, weil sie auch keine Kraft mehr hatte, mit der zuständigen Klinik und dem zuständigen Sanitätshaus um eine adäquate Anpassung des Sitzes zu streiten.

Die meisten Behinderten, die nicht gelernt haben zu kämpfen oder Keine starken privaten Unterstützungssysteme haben, werden von der Last jahrelanger Wartezeiten und wiederholter Ablehnungsbescheide zermürbt. Dabei ist es für die meisten anstrengend genug, mit der Behinderung als solcher zurechtzukommen.

In dem befragenswerten Interview zwischen Peter Hahne und Samuel Koch gibt es einen Satz, der Gold wert ist und wahren Tiefsinn hat. In dem Interview sagt Samuel Koch unter anderem:»Man kann auf jedem Niveau glücklich sein. Man kann auf jedem Niveau unglücklich sein und klagen«. Für jeden Menschen in jeder Lebenssituation stellt sich die Frage, wie ein gelingendes Leben, wie glückliche Zufriedenheit möglich ist. Glücklich zu sein ist keine Frage des Geldes, auch wenn Geld bekanntermaßen beruhigt und Krisensituationen psychisch entlastet. Darin liegt auch das Korn Wahrheit des Filmes »Ziemlich gute Freunde«: ungeschminkte, harte, kantige Authentizität, schwarzer Humor und persönliche Unterstützung im Beziehungsnetz sind für Behinderte von einen noch größeren Stellenwert als dies für Nichtbehinderte – im Szene-Jargon: »normale Zweibeiner« – gilt.

Von solchen Kämpfen, in die Normalität zurückzukehren und zu lernen, auf neuem Niveau die kleinen Erfolge zu feiern und glücklich zu werden, davon berichtet auch die Reportage von Christine Holch, erschienen in: Chrismon: 13. Januar 2012: http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/kopfsprung-zu-flaches-wasser-13437Christine Holch, Kopfsprung in zu flaches Wasser

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Februar 2012

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Letzthin war ich zu einer Tagung über die »soziale Trinitätslehre« eingeladen. Für diese Tagung hatte ich vergessen, den Akku meines mobilen Pflegelifters mitzunehmen. Obwohl ich mir eine Liste mit den Dingen erstellt hatte, die ich routinemäßig auf Reisen mitzunehmen habe, ist mir dieses Missgeschick passiert. Denn natürlich hatte ich auf der Liste nicht zwischen Lifter, Lifter-Koffer und Lifter-Akku unterschieden. Der Sache nach erschien dieser Umstand eine Katastrophe zu sein, denn er hätte bedeutet, dass ich im Zweifelsfall nicht zu Bett gebracht und gelagert hätte werden können.
Doch dank einer kreativen Denkpause und der humorvollen Aufnahme der Situation konnte sich in entspannter Atmosphäre ein wegweisender Gedanke Bahn brechen. Ein Kollege schlug vor, mich mit Hilfe der zahlreich vorhandenen studentischen manpower und womenpower im Lifter-Tuch zu tragen. Um den Aufwand gering zu halten, wurde das Bett mit der Kopfseite in den Raum gedreht und der Elektrorollstuhl passgenau an das Kopfende gefahren. Sodann nahmen mich – bzw. mein Tuch mit mir – zwölf Hände mit den dazugehörigen gut gelaunten Gesichtern an den entsprechenden Schlaufen in ihre Obhut. Weil der Rollstuhl direkt am Bett stand, war der Weg minimal, flutschte ich sozusagen auf mein Nachtlager.
Am nächsten Morgen wurde die Aktion in umgekehrter Richtung durchgeführt. Ruckzuck saß ich im Rollstuhl, Ruckzuck konnte ich oben herum angekleidet werden und danach frühstücken.
Wenn ein Wille da ist, das Netzwerk der Beziehungen unkompliziert zusammenarbeitet und die heitere und humorvolle Seite von Missgeschicken in den Blick kommt, dann kann Unverhofftes im Netz aufgefangen, Unlösbares kreativ bearbeitet und Inklusion im besten Sinne lebendig werden.

(c) Bernhard Nitsche, ESA-Freiburg, Januar 2012

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Nach eineinhalb Jahren im Pflegeheim gibt es Verluste, die kalkulierbar sind. Dazu gehört der Verlust des eigenen Geschirrs.

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Das Behindertenleben ist überraschungsreich und kurios.

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Es ist zum Mäuse melken!

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Bericht über ein Projekt der Hochschule und der Behinderten-Seelsorge Augsburg zu Implikationen der  UN Konvention von 2008:

aus dem Bericht: »„Es ist normal, verschieden zu sein.“ – so könnte man die Zielsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen umschreiben. Sie ist in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft getreten. […] Nun haben sich sechs Studierenden-Teams […] Modelle für eine Wanderausstellung entwickelt, die alle unter den Aspekten „Inklusion, Teilhabe und Teilgabe“ informieren und wachrütteln möchten.

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