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Archive for August 2011

1. Die soteriologischen Anliegen der christlichen Trinitätslehre

Für die Ausbildung der christlichen Trinitätslehre sind die soteriologischen Anliegen entscheidend. Die christliche Trinitätslehre ist nicht aus einem abstrakten spekulativen Bedürfnis erwachsen, sondern folgt bestimmten heilsgeschichtlichen Erfahrungen, die auf ihre Begründung in Gott selbst hin durchbuchstabiert und daher auf Gottes eigenes Selbstsein zurückgeführt wurden.

Obwohl biblisch keine Anweisung vorliegt, den christlichen Glauben notwendig trinitarisch auszubuchstabieren, ergibt sich diese trinitarische Gestalt inhaltslogisch doch aus der spezifischen Gegenwart Gottes in Jesus von Nazareth und im Heiligen Geist in der Gemeinde.

Unter der hebräischen Voraussetzung, wonach Heil und Friede (Schalom, Salam) nur von Gott selbst erwirkt sein kann, lautet die zentrale Doppelfrage:

(a) Dürfen Christinnen und Christen darauf vertrauen, dass sie es in Jesus nicht mit einer Zwischenmacht (Röm, Kap. acht) oder mit Beelzebub (Mk 2) zu tun haben, sondern mit Gott selbst?

(b) Dürfen Christinnen und Christen darauf vertrauen, dass sie es im Geist, der heilt und heiligt, der in die Wahrheit einführt und vollendet, mit dem schlechthin Heiligen zu tun haben?

Diese beiden Grundfragen thematisieren die Einsicht, derzufolge Christinnen und Christen nur dann wahrhaft Gemeinschaft mit Gott selbst haben, wenn ihnen im Sohn und seiner Botschaft sowie im Heiligen Geist und seiner Gnade und Gemeinschaft Gott selbst gegenwärtig wird. Dann kann mit das soteriologische Anliegen herausgestellt werden: Darf das wirkliche und wirksame »Gegebensein« Gottes in Logos und Pneuma als Selbstgabe des Vaters in Sohn und Geist verstanden werden, welches Gottes »Eigen-Wirklichkeit« bestimmt?

2. Misslungene und gelungene Systematisierungsweisen: Eine Typologie

Sofern Gottes eigenes Engagement in der Geschichte der Menschen gehofft und geglaubt werden darf, wird es notwendig, die heilsgeschichtlichen Erfahrungen auf Gottes Sein in sich zurück zu buchstabieren. Damit stellt sich die für die Konstruktion der christlichen Trinitätslehre entscheidende Frage: »Von woher wird gedacht?«. Für diese Frage gibt es drei Richtungen einer möglichen Antwort, die jeweils in der Geschichte des christlichen Glaubens ergriffen und auf unterschiedliche Weise ausbuchstabiert wurden. Man kann von dem einen Wesen Gottes her auf die Dreiheit der Personen hin denken. Man kann von der heilsgeschichtlich bezeugten Dreiheit der Personen auf ihre Einheit hin denken. Oder man kann vom biblisch-alttestamentlichem Primat des Vaters aus nach der Funktion und dem Sein von Sohn und Geist fragen. Diese drei unterschiedlichen Konstruktionsmöglichkeiten kamen in der Geschichte Trinitätstheologie zur Anwendung und werden nachfolgend expliziert.

Für die christliche Tradition entstand zunächst das Problem, wie die Neuheit des eigenen Glaubens in einer unterscheidenden Profilierung zum Judentum und in Treue zum jüdischen Monotheismus formuliert werden konnte. Bereits der Philipper-Hymnus versucht in der Form eines Christus-Psalms die besondere Bedeutung Jesu Christi in den beiden Grundmodellen des selbstlosen »Abstiegs« aus der Gestalt Gottes und des »Aufstiegs« des bis zum Tod am Kreuz gehorsamen Knechtes Gottes in die Herrlichkeit Gottes hinein zu formulieren. In diesem judenchristlichen Psalm wird die Herkunft Jesu Christi aus Gott sowie die Rückbezüglichkeit Jesu Christi auf Gott hin durch eindeutige Gottesprädikationen (Gestalt Gottes, Name über allen Namen, Proskynese, Kyrios-Adonai) zum Ausdruck gebracht. Die biblische Theozentrik, die den Vorrang des Vaters bewahrt, wird durch den Hinweis auf Ehre des Vaters, für die all dies geschieht, durchgehalten (Phil 2,5–11).

Weil für die Besonderheit des christlichen Bekenntnisses  von der spezifischen Gegenwart Gottes im Sohn und im Heiligen Geist erst neue Modelle und neue Sprechweisen ausgebildet werden mussten, konnte zum einen auf jüdische Traditionen von göttlichen Vermittlungsinstanzen wie die Weisheit Gottes (chokmah), das Wort Gottes (dabar) und der Geist Gottes (ruah) zurückgegriffen werden.

Zum anderen bedurfte es eines Prozesses von Versuch und Irrtum, weil erst durch den Kontrast des Ne­gativs in Umrissen positiv erkennbar wurde, was bleibend festzuhalten ist. Wie so oft im menschlichen Leben war es zunächst einfacher zu sagen, was nicht sein soll. Das Anliegen, die unterschiedlichen Weisen der Selbstvergegenwärti­gung Gottes positiv zu denken, ohne die spezifische Differenz zwischen dem Sein Gottes und dem Sein der Welt aufzuheben, wurde durch die Abgrenzungen gegenüber drei »Versuchen« oder »Außen« der christlichen Glaubensrefle­xion gewonnen, die sich zunehmend als unzureichende »Fehlversuche« erwiesen.

Eine erste Kontrastfolie bildet der Mo­dalismus. Dieser kennt nur die numerische Einsheit (monas) des göttlichen We­sens und zieht daraus die Konsequenz, dass es in Gott nur ein Aktivitätszentrum, eine Subjektivität gibt. Der Modalismus folgt dem philosophischen Interesse eines Denkens der Einheit wie auch dem Anliegen, den alttestamentlichen Monotheismus als stren­gen Monotheismus unitarischer Singularität zu bewahren.

In dieser Weise verstand Sabellius die trinitarischen Personen von Vater, Sohn und Geist als äußere Modi (Erscheinungsweisen) des einen Gottes, denen keine innere, essentielle Wirklichkeit in der Immanenz Gottes zukommt.

Das zweite »Außen« erzeugte Differen­zierung durch Unterordnung. Im Mo­dell der beziehungsbestimmten Subordination gibt es Abstufungen, die einen trennenden Charakter annehmen konnten. Dieses Modell verstand Jesus als den vom Geist erfüllten endzeitlichen Menschen, der – im Laufe seines Lebens – vom Vater entweder in der Taufe oder durch die Auferweckung »an Sohnes statt« angenommen wurde (Adoption). Nach diesem Modell war Jesus nicht von allem Anfang an der Sohn, sondern wurde im Laufe seines Lebens bzw. im Tod aufgrund seiner besonderen religiösen Funktion und Bewährung zum Sohn erwählt.

In späterer Zeit führte die Kritik an der Gefahr der Vorstellung eines zweiten Gottes zu einer aus­drücklichen Unterordnung (Subordination) und ontologischen Minder­wertigkeit (Inferiorität) des Logos-Sohnes. Bei Arius wird Jesus Christus zu einem »Mittelwesen«, zu einem Unter-Gott oder göttlichen Weltprinzip, der/das Gegenwart in einem religiösen Über-Menschen oder Superhelden nimmt.

Ein drittes »Außen« stellte der Versuch dar, das Gottesbild von den personal differenzie­renden Erzählungen her zu bestimmen. Dies konnte dazu führen, dass die Eigenständigkeit der göttlichen Personen unzulässig verschärft wurde. So wehrte sich die christliche Traditionsbildung schon früh gegen die Vorstellung einer Drei-Götter-Lehre bzw. gegen entsprechende Vorwürfe, das Christentum würde einen Tritheismus vertreten.

Die gelungenen Systematisierungsweisen wurden auch in Abgrenzung zu den Fehlversuchen ausgebildet. Sie können als +Innen* des christlichen Glaubens skizziert werden, die paradigmatisch die lateinisch-westliche, griechisch-östliche und die relational-moderne Systematisierung der christlichen Gotteserfahrung charakterisieren.

Die drei Grundtypen der Reflexion der christlichen Got­teserfahrung bringen die legitime Pluralität, sowie die wechselseitig sich korrigierende und ergänzende Funktion der Systematisierungsweisen des Glaubenszeugnisses zum Ausdruck. Sodann legen sie die Gegenseitigkeit von praktischem Lebensvollzug und theologischer Reflexion offen.

Im Zentrum steht die Verhältnis­bestimmung von Wesenseinheit und Personunterscheidung.

Das Modell des lateinischen Westens betont vor dem Hintergrund des jüdischen Monotheismus und dem Einheitsdenken der platonischen Tradition die Einheit des göttlichen Wesens. Aufgrund dieses Wesensdenkens hat es Schwierigkeiten, die biblisch bezeugte Unterscheidung der Personen zu wahren und die Drei-Einheit der göttlichen Personen als Beziehungsgeschehen von eigenständigen Trägern zu fassen. Typisch für die lateinisch-westliche Tradition ist das »monosubjektive« oder »intra-personale« Denken Augustins, der den göttlichen Lebensvollzug anhand von Selbstvollzügen des menschlichen Geistes (Gedächtnis, Einsicht und Wille) veranschaulicht.

Das Modell des griechischen Ostens geht primär von der Wesenseinheit des Sohnes und des Gei­stes mit dem Vater aus, deren heilsgeschichtliche Sendungen ganz vom Vater bestimmt sind. Diese Systematisierungsweise betont die Monarchie und das Ursprunggebende des Vaters und ordnet ihm Sohn und Geist innergöttlich unter. Innertrinitarisch kann der Beziehungszusammenhang durch die Form einer relativen Subordination charakterisiert werden. Doch darf diese relationale Kennzeichnung des Sohnes und des Geistes durch ihr Sein »vom Vater her« nicht (wie bei Arius) mit einer ontologischen Minderwertigkeit oder soteriologischen Anders­heit verwechselt werden.

Im Unterschied zum intrapersonalen Denken des lateinischen Westens sowie im Unterschied zum ursprünglich östlichen Modell  des relational unterstufenden Denkens des Sohnes und des Geistes unter den Vater und in Wesenseinheit mit dem Vater entwickelt die jungnizänische Theologie der Kappadokier ein Modell, das als Vorreiter eines modern-interpersonalen Denkens angesehen werden kann.

Im Unterschied zu Athanasius versteht Basilius der Große die Gottheit nicht (monosubjektiv) als  einzelnen Träger (Hypostase), sondern unterscheidet drei Träger, die gemeinsam ein Wesen inne haben und realisieren. Vom biblischen Befund ausgehend, sieht Basilius die Notwendigkeit, die drei Namen (Vater – Sohn – Geist) auch personal zu unterscheiden. Deshalb interpretiert Basilius die Hypostase als ontologisches »Integral« von Gemeinsamkeit (im Wesen) und idiomatischer Besonderheit. Sie ist das »Zugleich« von Eigentümlichkeiten der Personen und Gemeinschaft im Wesentlichen. Leitbild für dieses Modell ist die Unterscheidung des Aristoteles zwischen erster und zweiter Ousia. In dieser Tradition ist jeder Mensch Träger des Menschseins und doch in je spezifischer Weise Person. Dieses Modell wird zum Paradigma des modernen trinitätstheologischen Denkens.

Welches Modell auch zur Anwendung kommt und bevorzugt wird: entscheidend kommt es darauf an, Gott selbst als eine dynamische Lebensfülle zu begreifen, die im Geist aus sich heraus geht und über sich hinaus im anderen der Welt Gegenwart wird und in dieser Weise »exzentrisch« ist. So belebt Gott seine ganze Schöpfung mit seinem lebendig-machenden Geist. Zugleich wird er durch sein ewiges Wort der Verheißung konkret. Diese Konkretheit gewinnt in der Verkündigung Jesu von Nazareth höchste Verdichtung und äußerste Konzentration. Darum wird Jesus als die menschlich und geschichtlich unüberbietbare Fülle von Gottesgegenwart in der Menschengeschichte und in den menschlichen Personen bezeugt. Er ist Gottes Wort der Verheißung in Person.

Deshalb findet die Trinitätslehre ihren Grund nicht in sich selbst, sondern im Glauben an die verheißene und erfahrene Gegenwart Gottes in aller Welt und unter allen Menschen (Geist) sowie in ausgezeichneten Repräsentanten und ihrem konkreten Zeugnis in Wort und Tat (Logos), das in Jesus von Nazareth ganz Gegenwart und geschichtlich unüberbietbar ist.

(c) Bernhard Nitsche, August 2011

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An den Abenden dieser und der letzten Woche(n) traf ich mehrfach auf denselben S-Bahn-Führer. Dieser war immer außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Nach der dritten Fahrt genoss ich das Privileg, nicht am Hauptbahnsteig, sondern direkt beim Aufzug aussteigen zu können. Das ist ein Service, den ich noch nicht oft erlebt habe. So danke ich dem BSB-Gentleman für diese positive neue Erfahrung, die ein Gespür für die Situation, eine aufmerksame Hilfsbereitschaft und ein grundlegendes Wohlwollen zum Ausdruck bringt. Dies ist eine Situation von Wachheit und Menschlichkeit, die mich beglückt und für die ich dankbar bin.

Bernhard Nitsche, August 2011

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Plötzlich nach eineinhalb Jahren geschah es. Wiederholt waren die Themen Zimmerpflege und Rollstühle schon angesprochen gewesen. Dann plötzlich eine neue Initiative. An einem Tag wurden von »Banderas« die Regale aufgeräumt und nass ausgewischt. Am nächsten Tag der Rollstuhl gesäubert. Jetzt glänzt der Lack wieder, leuchten seine Lichter in der Nacht ungetrübt. Das ist ein guter Pflege-Song! Mit solcher Musik lässt sichs gut leben. Das macht Laune!

(c) Bernhard Nitsche, August 2011

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Es ist grandios. Manchmal geschieht Überwältigendes, geschehen Wunder. Meiner Frau und meiner Familie, vielen Freunden und Bekannten habe ich nach dem Unfall immer wieder gesagt: wenn wir das erste Mal gemeinsam als Familie Urlaub gemacht haben und ich wieder nach Indien kann, dann ist ein Stück Normalität zurückgekehrt. Nun geht hoffentlich der zweite Baustein in Erfüllung, so dass nur noch der gemeinsame Urlaub zum wiedergewinn von Normalität fehlt.

Dank einer wunderbaren Kongresseinladung und eines qualifizierten Beitrags konnte ich eine einschlägige wissenschaftliche Gesellschaft davon überzeugen, zumindest die reinen Flugkosten für mich und meine Pflegebegleitung zu übernehmen. Natürlich bleiben dann noch Kosten übrig, die gängigerweise bei anderen auch noch übernommen werden, wie Transfers, Unterkunftskosten usw. doch ist der allerwichtigste Schritt getan und der Flug gebucht.

Zu meinem großen Glück habe ich kompetente Pflegebegleitung von einem der besten Pfleger, den ich kenne, der mich bereits acht Monate nach meinem Unfall nach Wien begleitet hatte. Damals ein Unternehmen mit vielen Vorbehalten und auch mit medizinischen Widerständen.
Die Sache selbst wird ein Abenteuer und eine Erprobung. Und sie ist geeignet, Widerstände, die mir vielfach auch in Deutschland begegnen, aufzulösen. Öfters werde ich nämlich gar nicht gefragt, was ich kann und will, oder wo ich denke, dass dies mit einiger Kreativität realisierbar ist. Immer wieder bin ich mit Situationen konfrontiert, wo nur möglich ist, was andere für mich als möglich erachten, aber dies nicht im Vorfeld mit mir besprechen. Die bekannte Devise lautet dann: »wir können es uns nicht vorstellen«. So die Entscheidung einer Vereinigung, ich könnte an einer bestimmten Exkursion nicht teilnehmen, weil das organisatorisch zu komplex sei. Dabei sind die organisatorischen Probleme in Deutschland – im Vergleich zu Indien – wie »Peanuts«.
Obwohl meine Frau ein phobisches Verhältnis zum fernen Ausland hat, sagte sie im Spiegel solcher Erfahrungen: »Bernhard, auch wenn du keine Finanzierung bekommst, du musst nach Indien, allein schon um zu zeigen, dass vielmehr geht, als andere denken«. Das hat mich damals umgehauen, dass meine Frau ihre Bedenken hinter sich lies, und mir seither den Rücken stärkt, es zu wagen. Nun darf mein Lampenfieber steigen und die Planung ins Detail gehen.

Bernhard Nitsche, August 2011.

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Manche Menschen sind körperlich behindert, andere geistig eingeschränkt und wieder andere sozial verkrüppelt. Seit gestern kennt meine Sprache das neue Wort vom »Sozial-Krüppel«. Damit hat es folgendes auf sich:
Gott sei Dank kann ich trotz meiner hohen Querschnittslähmung in einem erheblichen Umfang eigenständig mobil sein. Diese eigenständige Mobilität ist in unserer beschleunigten Mobilitätsgesellschaft, für die sozialen Kontakte und beruflichen Belange von hohem Wert. Aktuell fahre ich mit den Straßenbahnen und der S-Bahn oft ins Umland. Das geht wunderbar problemlos, weil diese Verkehrsmittel alle mobile Rampen mit sich führen, so dass ich fast an jedem Ort mit dem Rollstuhl hinein- und herausfahren kann, um mich dann mit dem Elektro-Rollstuhl in der Bahn sitzend, »öffentlich« fahren zu lassen.
Spannend ist es immer, wenn Kinder mit unterwegs sind, weil diese ohne Hemmung und mit Neugier den Man mit seinem »Elektroauto« inspizieren und bestaunen. Solche Mobilität ist angenehm. Unangenehm wird es allerdings, wenn es »Mitreisende« ohne den Blick für die Einschränkungen und den Hilfebedarf gibt, Menschen gleichsam über mich hinweg stolpern und mich oder meine Elektronik ungeduldig und rücksichtslos  »mitreißen«. Andere suchen gehemmt das Weite oder drehen einfach den Rücken zu. Das alles kann man bis zu einem gewissen Grade verstehen. Am besten sind allerdings die, welche eigene Hindernisse, wie Fahrräder, Koffer, Aschenbecher usw. ungeschickt in den Weg stellen und nicht bereit sind, diese objektiven und selbstorganisierten Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Von solchen Erfahrungen handelt der »Sozial-Krüppel«.
Gestern war so ein Tag: ich fuhr mit dem Aufzug von der Ebene der Straßenbahnen auf die Ebene der Bahngleise. Die Aufzüge sind für meinen Rollstuhl eng und schmal. Hinzu kommt, dass meine Elektronik gelegentlich »Aussetzer« hat. Das war jüngst in Köln der Fall.  Gestern, an diesem schwarzen Freitag,  passierte es wieder. So konnte ich meinen Rollstuhl nicht vom Straßen-Modus in dem Zimmer-Modus umstellen. Während der Rollstuhl mit Straßeneinstellung eine hohe Spurstabilität und einen eingeschränkten Lenkradius hat, ist er für das Zimmer fein abgestimmt und sehr wendig. Da also die Elektronik nicht wollte, konnte ich nicht von der einen in die andere Fahrweise wechseln und war an den ungelenkigeren Straßengang gebunden. Dazu hatte ich für die Fahrt durch die Stadt noch den schnellsten Gang eingelegt. Der Rollstuhl war also schnell und ungelenkig. So zirkelte ich in den schmalen Aufzug, um von der Ebene der Straßenbahnen auf die Ebene des entsprechenden Bahngleises zu wechseln.
Als ich unten angekommen war und rückwärts aus dem Aufzug hinaus fahren wollte, da merkte ich, dass mehrere Menschen hinter mir standen. Der nächste, unmittelbar hinter mir, war der 400-Euro-Jobber mit seinem blauen Containerwagen, der die Boxen auf dem Bahngleis für Snacks und Getränke kontrolliert und auffüllt.

Weil ich wusste, dass der Wagen recht breit ist und ich nicht frei nach hinten fahren kann, rief ich laut und deutlich: »Bitte fahren Sie zurück, damit ich Platz habe, um aus dem Fahrstuhl zu kommen!« Schweigen, nichts tat sich, Stillstand. Noch einmal rief ich laut: »Bitte fahren Sie zurück, sonst kann ich nicht aus dem Fahrstuhl kommen!« Dann antwortete die Stimme des 400-Euro-Jobbers: »Sie müssen einfach nur geradeaus zurückfahren!«.

Wie fast alle anderen Menschen auch, habe ich natürlich am Hinterkopf keine Augen. Der ursprünglich mitgelieferte Spiegel, den habe ich wieder abmontieren lassen, weil er den ohnehin breiten Rollstuhl nochmals um 8 cm breiter und damit alltagsuntauglicher gemacht hatte. Deshalb konnte ich nicht direkt nach hinten sehen. Aufgrund der Situation konnte ich hinter dem Aufzug nicht frei manövrieren, was mir hilft, Korrekturen vorzunehmen. Denn ich hatte jetzt nur einen schmalen Korridor von rund 20 cm, um zu manövrieren, Ungenauigkeiten auszugleichen und aus dem Aufzug herauszukommen. Da meine Lenkung nur grob funktionierte, ein hoch eingelegter Gang schnelle Bewegung garantierte und der Rückwärtsgang im Straßen-Modus umgekehrt geschaltet ist wie im Zimmer-Modus, also genau umgekehrt gelenkt werden muss, tuschierte ich links und rechts, musste ich  noch einmal in den Aufzug ein Stück zurückfahren und blieb dann erneut beim Hinausfahren hängen. Natürlich war diese Situation unvorteilhaft und wirkten die Lenkmanöver jetzt ungeschickt.

Daraufhin tönte der 400-Euro-Jobber befriedigt, herablassend und höhnisch: »Wenn sie nicht gerade fahren können, dann müssen sie es bleiben lassen!« Und noch einmal, mit Befehlstonlage: »Fahren Sie gerade rückwärts hinaus!« Seine aggressive Ungeduld gab der Stimmung hinter mir Ausdruck, von all den Leuten, die ungeduldig und zuerst in den Fahrstuhl stürmen wollten.
Inzwischen war es mir gelungen mit einigen Aneckungen ein Stück weiter aus dem Fahrstuhl zu kommen. Das sagte ich zu dem älteren, runden Container-Mann: »Sie haben ja keine Ahnung!« Darauf wiederholte er mehrfach die polemische und herablassende Aufforderung: »Führerschein abgeben!«; »Führerschein abgeben!«.
Da platzte mir die Hutschnur und ich reaktivierte ein Vokabular, das ich ansonsten aus meinem Sprachschatz gestrichen habe: »rücksichtsloses A.«. Emotional hochgekocht fuhr ich über den Bahnsteig und dann kam mir die neue Vokabel in den Sinn. Es gibt eben unterschiedliche Behinderungen und Einschränkungen.
Als ich am Abend zurück kam, bei strömenden Regen in Freiburg anlangte und mit der Situation konfrontiert war, dass keine Straßenbahn fuhr, weil gestreikt wurde, schaffte ich es problemlos vom Bahnsteig mit dem Aufzug eine Ebene höher zu den Straßenbahnen. Wegen des Streikes konnte ich mich nicht in den Schutz einer Straßenbahn flüchten. Um schnell nachhause zu kommen, hätte ich eine kleine Hilfestellung benötigt, damit meine Elektronik-Steuerung optimal positioniert gewesen wäre. Daher sprach ich zwei Menschen an, die vom Streik ebenfalls nichts mitbekommen hatten und an der Haltestelle warteten. Ich sagte zu beiden: »Ich benötige eine kleine Hilfestellung, können Sie mir bitte helfen!« Der eine drehte sich um, kehrte mir kalt den Rücken zu, hob die Nase nach oben und signalisierte, dass er für mich nicht zu sprechen ist und nicht belästigt werden möchte. Die andere setzte ein bedauerndes Gesicht und einen hilflosen Blick auf und ging einige Schritte weg. Da stieg das Wort vom »Sozial-Krüppel« wieder in mir auf.
Als ich  dann mit nicht optimalen Möglichkeiten durch den strömenden Regen fuhr, hatte ich glücklicherweise unterwegs noch eine andere Erfahrung. Durch das Rütteln vom Pflaster war mein Display nach unten geneigt. An einer geschickten Stelle, überdacht vor einem Kaufhausfenster, blieb ich stehen. Dann rief ich zwei junge Menschen, die Arm in Arm unter einem Regenschirm durch die Straße zogen. Sie hielten ungehemmt und unverkrampft, hoben mir das Display an und zogen die Stellschraube wieder fest. Wie problemlos doch alles sein kann! Dankbar und erfreut kämpfte ich mich dann durch den strömenden Regen nachhause. Zum Schluss bleibt die Einsicht: die Bedrohung ist offensichtlich niedriger und die Hemmung geringer, wenn Menschen zu zweit, zu dritt oder in einer Gruppe sind. Dann kann  noch jemand anders helfen und selbst ein »Krüppel« nicht gefährlich werden.

Bernhard Nitsche, August 2011

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Sie sind über Jahrmillionen erprobte Überlebenskünstler. Sie wuseln des Nachts über die Flure. Sie und die Menschen erschrecken, wenn der Boden unter den Füßen von Menschen bebt oder das Licht sie plötzlich aufschreckt. Hundertfach konnte ich das im Foyer und der Cafeteria meiner alten Alma Mater erleben. Der dunkle Boden und die Tonbehältnisse für die großen Pflanzen waren ideale Unterkünfte. Die Cafeteria bot reiche, nahrhafte Rückstände oder Fallstücke. Jahrelang, wenn ich Nachts die Bibliothek unsicher machte und Bücher im Dutzend verschlang, was gelegentlich auch dem Personal und der Leitung der Bibliothek Schwindel erregte, konnte ich dieses Schauspiel erleben.
Monatelang berichtete mir »Mama Latina«, mit der ich im Körpergewicht wetteiferte und der ich eine gelb und bunt bepunktete Tasse als Erinnerungsstück verdanke, wie sie in der nächtlichen Pause beim Fernsehen im großen Gruppenraum Scharen von Kakerlaken begegnete. Als Mama und Patriarchin der Familien, als Powerfrau und Domina in der Nacht, war sie durch nichts zu erschüttern. Nur die Arbeit selbst konnte, dem lateinamerikanischen Temperament entsprechend, nicht immer den notwendigen Geschmack entfalten. Bakschisch wäre hilfreich gewesen. Bakschisch wurde organisiert und die Flatrate meines Tischtelefons anfangs genutzt, bis ich einfach den Stecker aus dem Modem zog, was sie mit der Frage kommentierte, ob mein Telefon »kaputt« sei. Wer die Lebensverhältnisse in Peru und die Lebensbedingungen von Hartz IV kennt, kann da vielleicht sogar ein gewisses Verständnis entwickeln, auch wenn die Sache selbst nicht gut zu heißen ist.
In jedem Fall war mir die Präsenz der kampferprobten, kleinen, schwarzen Lebensbegleiter einst von der nächtlichen Bücherlektüre, dann von »Mama Latina« schon lange vertraut, bevor jüngst ein markerschütternder Aufschrei neben mir ertönte: »Kakerlaken«!!!
Nun überlege ich, was zu tun ist, damit diese Überlebenskünstler mir keine lebenslange Partnerschaft antragen und bescheren. Gerne würde ich dieses Tête-à-Tête auf eine kurze Lebens-Abschnitts-Partnerschaft begrenzen.

(C) Bernhard Nitsche, August 2011

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Der Hygieneminister ist ein netter junger Mann. Engagiert und versiert macht er seinen Job. Auf ihn ist Verlass, besonders in den Unwägbarkeiten der Nacht. In der Regel ist er freundlich, manchmal nur etwas kurz angebunden. Seine Pflege und seine Lagerung sind prima. So ist es kein Zufall, dass der relativ junge Mann zum Hygieneminister aufgestiegen ist. Was seine Passion ist, ein besonderes Augenmerk für die Hygiene zu haben, wird nicht von allen mit gleicher Leidenschaft verfolgt.

In meinem kleinen Bad steht eine rote Waschschüssel. Einfacher und besser wären es natürlich drei Waschschüsseln. Dafür ist sie rot und kommt für alles zum Einsatz – oben und unten, vorne und hinten, seitwärts und rückwärts. Und umgekehrt: rückwärts und seitwärts, hinten und vorne, unten und oben. »Eigentlich« ist pflegetechnisch klar, dass die Schüssel nach jedem Waschvorgang nicht nur nachgespült, sondern auch desinfiziert und klargespült werden muss. Doch wie das Leben bei den Dingen ist, für die die Vokabel »eigentlich« oder »normalerweise« gilt, gibt es auch die Ausnahme. Lange Zeit war die Ausnahme die Regel, wurde der alte Inhalt einfach ausgeschüttet und die Schüssel in die Ecke gestellt. Inzwischen, auch aufgrund regelmäßiger Hinweises, darf ich glücklicherweise sagen, dass die Ausnahme in der Regel Ausnahme bleibt. Kurios nur, wenn die Ausnahme von den »eigentlichen« Führungskräften am Tage oder in der Nacht gepflegt wird, wie jüngst noch einmal, in den letzten Tagen. Da lobe ich mir das »Fußvolk« und grüße den Hygieneminister!

(c) Bernhard Nitsche, August 2011

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